Gastkommentar von Victoria Evstratova
Ersetzt KI Grafikdesigner? Warum gute Gestaltung mehr ist als schöne Bilder

Ein Gastkommentar von Victoria Evstratova, Gründerin des Wiener Branding- und Designstudios Brand Büro.

Ersetzt Künstliche Intelligenz bald Grafikdesigner:innen? Kann man diesen Kostenpunkt künftig einfach aus dem Marketingbudget streichen?

Wenn ich derzeit durch meinen LinkedIn-Feed scrolle, sehe ich fast täglich Designer:innen, die sich gegenseitig Mut machen: Kreativität lasse sich nicht von einer seelenlosen Maschine ersetzen. Gleichzeitig prognostiziert der Future of Jobs Report des World Economic Forum, dass Grafikdesign bis 2030 zu den Berufen gehören wird, die durch den Einsatz von KI am stärksten zurückgehen werden.

Wer hat also Recht? Und lohnt es sich für Unternehmen überhaupt noch, in professionelles Grafikdesign zu investieren? Schauen wir uns das genauer an.

Technologischer Fortschritt verändert den Beruf nicht zum ersten Mal

Der Beruf des:der Grafikdesigner:in hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder grundlegend verändert. Früher entstanden Layouts und Entwürfe größtenteils von Hand und waren vor allem für Printprodukte gedacht. Mit dem Internetboom und dem Aufstieg des E-Commerce verlagerte sich der Schwerpunkt in den 1990er-Jahren zunehmend auf digitale Medien. Wer diesen Wandel nicht mitging, verschwand vom Markt.

Später machten SaaS-Lösungen wie Canva Gestaltung deutlich zugänglicher. Während früher der sichere Umgang mit Programmen wie Adobe Photoshop oder InDesign Voraussetzung war, konnten nun auch Menschen ohne Designausbildung in kurzer Zeit professionelle Visuals erstellen. Für viele Standardaufgaben brauchte es plötzlich kein Designstudio mehr.

Künstliche Intelligenz ist letztlich die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung. Die technischen Möglichkeiten von ChatGPT, Claude, Midjourney oder ähnlichen Tools sind beeindruckend. Ergebnisse, für die Designer:innen früher Monate oder sogar Jahre an Erfahrung aufbauen mussten, entstehen heute innerhalb weniger Minuten.

Design ist mehr als handwerkliche Umsetzung

Was in dieser Hinsicht doch häufig übersehen wird: Grafikdesign besteht nicht nur aus technischen Fähigkeiten. Die eigentliche Herausforderung besteht nicht darin, eine Idee umzusetzen, sondern darin, überhaupt auf die richtige Idee zu kommen.

Ein Blick auf Aufnahmeverfahren renommierter Designhochschulen zeigt das sehr deutlich. Dort entscheidet in erster Linie das Portfolio über die Zulassung. Die technische Perfektion einzelner Arbeiten spielt oft eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger sind die Konzepte, die Denkweise und die Fähigkeit, ungewöhnliche Ideen zu entwickeln. Genau darin liegt auch heute noch der eigentliche Wert professioneller Designer:innen.

Erfahrung lässt sich nicht prompten

Mit jedem Kundenprojekt wächst etwas, das sich nicht einfach durch einen guten Prompt ersetzen lässt: Erfahrung. Professionelle Designer:innen entwickeln im Laufe der Jahre ein Gespür für Märkte, Zielgruppen und Wettbewerb. Sie erkennen Zusammenhänge, stellen die richtigen Fragen und filtern aus einer Vielzahl von Möglichkeiten jene Lösung heraus, die tatsächlich zum Unternehmen passt. 

Denn letztlich geht es nicht darum, möglichst schöne Gestaltung zu produzieren. Es geht darum, einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen. Ein einfach gestaltetes Logo, hinter dem eine starke Idee steht, kann für ein Unternehmen deutlich wertvoller sein als ein perfekt ausgearbeiteter visueller Auftritt ohne klare Positionierung.

Aber hilft KI nicht auch bei der Ideenfindung?

An dieser Stelle werden viele einwenden, dass KI inzwischen ein hervorragender Sparringspartner für Brainstormings sei. Und das stimmt. Generative KI kann Denkanstöße liefern, Perspektiven aufzeigen und dabei helfen, erste Ideen schneller zu entwickeln.

Dennoch ist sie der menschlichen Kreativität derzeit nicht überlegen. 

Eine auf der CHI 2024, der weltweit führenden Konferenz für Human-Computer Interaction, vorgestellte Studie verglich zwei Gruppen: die eine entwickelte Ideen eigenständig, die andere arbeitete mit generativer KI. Das Ergebnis war bemerkenswert: Die Teilnehmer:innen mit KI entwickelten weniger unterschiedliche Ideen. Die Vorschläge waren insgesamt weniger originell. Außerdem beobachteten die Forschenden den sogenannten Design-Fixation-Effekt: Die Teilnehmer:innen orientierten sich stärker an den ersten von der KI vorgeschlagenen Lösungen und suchten deutlich seltener nach alternativen Ansätzen.

KI kann den kreativen Prozess also beschleunigen und bereichern. Die entscheidende Idee entsteht jedoch nach wie vor meist dort, wo Erfahrung, Intuition und menschliche Kreativität zusammenkommen.

Wird KI Grafikdesigner:innen ersetzen?

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage. Wird KI Grafikdesigner:innen ersetzen? Meine Antwort lautet: Nein. Sie wird jedoch fester Bestandteil ihres Werkzeugkastens werden. Designer:innen werden schneller arbeiten, effizienter werden und viele technische Aufgaben automatisieren können. Genau wie frühere Generationen Designsoftware oder digitale Werkzeuge adaptiert haben, werden sie nun KI integrieren.

Kann ein Unternehmen deshalb künftig auf professionelles Grafikdesign verzichten? Ja. Dann sollte es allerdings nicht erwarten, sich vom Wettbewerb abzuheben. Denn wenn zehn Unternehmen dieselben KI-Tools nutzen, entstehen oft auch zehn Markenauftritte, die sich erstaunlich ähnlich sind.

Wer seinen Markenauftritt jedoch als strategisches Instrument versteht, um Vertrauen aufzubauen, die richtige Zielgruppe anzusprechen und sich nachhaltig vom Wettbewerb abzuheben, wird auch künftig nicht auf professionelle Designer:innen verzichten können.

Denn in einer Welt, in der jede:r innerhalb weniger Minuten einen optisch ansprechenden Markenauftritt generieren kann, wird nicht gutes Design zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil, sondern die Idee dahinter.

www.brand-buero.at


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