Trotz rasant steigender Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) tun sich viele Unternehmen weiterhin schwer, daraus messbaren wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Zwar kommen KI-Anwendungen zunehmend im Arbeitsalltag zum Einsatz, häufig bleiben sie jedoch auf einzelne Aufgaben oder Abteilungen beschränkt. Wie Organisationen den Schritt zu einer umfassenden KI-Integration schaffen können, diskutierten Führungskräfte aus Wirtschaft, Industrie, Hochschulen und Recht kürzlich bei der "Grand Challenge Vienna" des IT-Dienstleisters iteratec in Wien. Im Rahmen des fünftägigen Formats entwickelten die Teilnehmer:innen konkrete Modelle für sogenannte "AI-Native Organizations" – Unternehmen, in denen Mensch und KI systematisch zusammenarbeiten und Wertschöpfungsprozesse neu organisiert werden.
Dabei kam ein sogenannter Hypersprint zum Einsatz: "Der Hypersprint ist ein geschlossenes Format, in dem Menschen und KI-Agenten intensiv kollaborieren, um komplexe Probleme in kürzester Zeit zu zerlegen, Lösungen zu prototypisieren, validieren und direkt operationalisierbar zu machen", erklärt Chris Ehl, Head of Digital Business Innovation bei iteratec.
Neue Organisationsmodelle statt isolierter KI-Anwendungen
Nach Ansicht der Teilnehmer:innen liegt die größte Herausforderung vieler KI-Projekte nicht in der Technologie selbst, sondern in deren organisatorischer Verankerung. Patrick Brandstetter, Product Lead von Aerocompact, sieht hier einen zentralen Schwachpunkt: "Der konkrete Anwendungsfall in der Industrie ist oft noch zu diffus. KI wird meist nur als isolierter 'Personal Assistant' definiert. Eine abteilungsübergreifende Verankerung fehlt." Statt auf zentrale All-in-One-Lösungen zu setzen, plädiert er für eine agile Zellstruktur, bei der komplexe Aufgaben in kleinere Teilbereiche zerlegt und von spezialisierten KI-Agenten bearbeitet werden. Die Ergebnisse würden anschließend wieder zusammengeführt.
Die Erkenntnisse der fünftägigen Veranstaltung wurden in einem Playbook zusammengefasst, das Unternehmen verschiedener Branchen als Orientierung dienen soll. Eike Wagner, Chief Transformation Designer bei der Change Workout GmbH, fasst den Grundgedanken so zusammen: "Die Wertschöpfung ist der absolute Nordstern." Ergänzend betont er: "Anstatt sich hauptsächlich an technologischen oder strukturellen Änderungen zu orientieren, sollte die Transformation zu einer AI Native Organization vor allem auf der Frage fußen, wie diese am Ende des Tages Mehrwert schafft – für Eigentümer:innen, Mitarbeiter:innen, Kund:innen, Partner:innen oder Gesellschaft."
Neben der konsequenten Ausrichtung auf Wertschöpfung identifiziert das Handbuch weitere zentrale Prinzipien, darunter die kontinuierliche Anpassung von Prozessen, die enge Zusammenarbeit von Mensch und KI, modulare Organisationsstrukturen sowie bereits in Arbeitsabläufe integrierte Kontrollmechanismen.
Datenversorgung und neue Anforderungen an Branchen
Eine weitere zentrale Erkenntnis der Veranstaltung betrifft den Umgang mit Daten. Michael Maier, Director Austria bei iteratec, verweist auf die Notwendigkeit einer unternehmensweiten Vernetzung: "Wenn ein Unternehmen wirklich konsistent auf KI setzt, muss es sich mit der Frage auseinandersetzen, wie es alle Stellen mit den nötigen Daten beliefert." Als Lösungsansatz wurde das Konzept eines "AI Nervous System" diskutiert. "Wir haben simuliert, wie autonome Zellen innerhalb eines Unternehmens miteinander kommunizieren, Entscheidungen vorbereiten und unter Anleitung von Menschen auch treffen können. Beispielsweise, indem ein Agent die Information eines Lieferdienstleisters zu einer verzögerten Zustellung erkennt und selbstständig mit anderen Abteilungen kommuniziert, um eine Entscheidung über das weitere Vorgehen zu treffen", so Maier.
Darüber hinaus beleuchteten die Teilnehmer:innen die Auswirkungen der Entwicklung auf unterschiedliche Branchen. Rechtsanwältin Daniela Birnbauer von der Kanzlei Schönherr sieht insbesondere den Rechtsbereich vor tiefgreifenden Veränderungen: "Die Auswirkungen auf die Rechtsbranche sind schon jetzt massiv spürbar. Wir werden in den nächsten Jahren eine massive Marktkonsolidierung erleben. Kleinere Kanzleistrukturen stehen vor der existenziellen Herausforderung, ihren Mehrwert jenseits von KI völlig neu zu definieren."
Auch im Personalmanagement seien neue Kompetenzen gefragt, wie Bildungsmanagerin Barbara Czak-Pobeheim betont: "Führungskräfte und HR stehen vor der Herausforderung, repetitive Prozesse durch den Einsatz von digitalen Agents aufzubrechen und Mitarbeiter:innen durch gezieltes Kompetenztraining, wie das richtige Prompten, auf diese Industrialisierung der Organisation vorzubereiten – immer mit dem Ziel, Effizienz zu steigern, ohne dabei das eigene Denken auszuschalten."
Letztendlich waren sich die Teilnehmer:innen der Grand Challenge Vienna einig, dass die nächste Entwicklungsstufe von KI weniger von immer leistungsfähigeren Modellen als vielmehr von neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine abhängen wird. Die Zeit reiner Experimentierphasen sei vorbei – künftig werde der wirtschaftliche Mehrwert zum entscheidenden Maßstab.
www.iteratec.com
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