20. Quality Austria Gesundheitsforum
Experten diskutierten, wie KI und Fehlerkultur Patienten schützen können

| Larissa Bilovits 
| 17.09.2026

Im Mittelpunkt des 20. Quality Austria Gesundheitsforums in Wien stand die Frage, wie das Gesundheitssystem trotz Fachkräftemangels, wachsender Komplexität und neuer digitaler Risiken eine sichere Versorgung gewährleisten kann.

Zum bereits 20. Mal versammelte Quality Austria am Mittwoch, dem 16. September, Fachleute aus dem Health-Bereich bei ihrem Gesundheitsforum. Schauplatz der Jubiläumsausgabe war die wolke19 im Wiener Ares Tower in Donaustadt. Im Mittelpunkt stand dieses Mal die Frage, wie sich Patientensicherheit in Spitälern und anderen Gesundheitsbetrieben nachhaltig verbessern und im Alltag verankern lässt.

Zehn Trends verändern die Versorgung

Begrüßt wurden die Gäste durch Werner Paar, Co-Geschäftsführer von Quality Austria, der in seiner Eröffnungsrede eine Standortbestimmung vornahm: "Österreich verfügt im internationalen Vergleich über ein leistungsfähiges, zugängliches und auch ressourcenstarkes Gesundheitssystem – wir starten nicht von einem schwachen Niveau aus, ganz im Gegenteil. Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht im Aufholen, sondern darin, diese Stärke angesichts der demografischen Entwicklung, des Fachkräftemangels und der wachsenden Komplexität langfristig abzusichern."

Im Anschluss widmete Moderatorin Marica Pfeffer-Larsson, bei Quality Austria für das Branchenmanagement Gesundheitswesen zuständig, ihren Vortrag den zehn großen Entwicklungen, die das Gesundheitswesen derzeit prägen. Eine davon ist der finanzielle Druck, der auf den Spitälern lastet. Gegensteuern lasse sich aus ihrer Sicht, indem man sich vom klassischen, linearen Behandlungsweg löst und die Primärversorgung konsequent ausbaut. "Es braucht mehr Multiprofessionalität in der Behandlung von Menschen, denn auch der Körper ist komplex. Es bedarf daher unterschiedlicher Spezialist:innen – und genau das können Primärversorgungszentren bieten." Zusätzlich plädierte sie dafür, Angebote wie Telemedizin und Gesundheitshotlines auszuweiten, damit sich die Bevölkerung informieren und medizinische Fragen abklären kann, ohne gleich eine Einrichtung aufsuchen zu müssen.

Großes Potenzial ortet die Expertin außerdem in der Digitalisierung: "Im Sinne einer stärkeren Patientenzentrierung muss der Informationsaustausch zwischen den Einrichtungen verbessert und ihre Vernetzung durch Digitalisierung vorangetrieben werden. Gesundheitsdaten sollen dabei zu einer zentralen Infrastruktur des Gesundheitssystems werden." Mindestens ebenso entscheidend für das Gelingen der Gesundheitsreform sei für Pfeffer-Larsson die Prävention. Wissen über Ernährung und Bewegung solle Kindern demnach bereits im Kindergarten vermittelt werden. Ihr abschließendes Resümee: "Wir müssen vom Reparieren zur Erhaltung kommen – dafür ist es unerlässlich, dass die Patient:innen die Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen und auch die dafür benötigten Mittel zur Verfügung gestellt bekommen."

Unternehmenskultur schaffen, in der Risiken angesprochen werden

Welche menschlichen Faktoren hinter der Patientensicherheit stehen, beleuchtete Eva Potura, die bei der Gesundheit Österreich GmbH die Abteilung Qualitätssicherung und Patientensicherheit leitet. "Sichere Versorgung kann nur dort gelingen, wo Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen, aufeinander aufpassen und kontinuierlich voneinander lernen", ist sie überzeugt. Regelwerke und Abläufe allein genügen aus ihrer Sicht nicht – damit Mitarbeitende Risiken und Zweifel tatsächlich rechtzeitig offen ansprechen, brauche es vielmehr psychologische Sicherheit und eine gelebte Speak-up-Kultur. Besonders gefordert seien dabei die Führungskräfte, die Offenheit vorleben und dafür sorgen müssen, dass aus Zwischenfällen die richtigen Lehren gezogen werden.

Besonderes Augenmerk legte Potura auf das sogenannte Second-Victim-Phänomen. Gemeint ist, dass auch Fachkräfte selbst zu Betroffenen werden können, wenn sie direkt oder indirekt in ein unerwartetes unerwünschtes Ereignis, einen unbeabsichtigten Fehler in der Versorgung oder eine Schädigung von Patient:innen involviert sind. Damit belastete Gesundheitsfachpersonen handlungsfähig bleiben, brauche es gezielte Unterstützung.

NISG 2026 macht Informationssicherheit zur Managementaufgabe

Dass neben den Menschen auch Infrastruktur und Betriebsabläufe über die Sicherheit entscheiden, zeigte in weiterer Folge Thomas Mann, Geschäftsführer der CIS Certification & Information Security Services GmbH, am Beispiel des Netz- und Informationssystemsicherheitsgesetzes (NISG 2026). Der Gesundheitssektor ist von der neuen Rechtslage besonders stark betroffen. Spitäler gelten als wesentliche Einrichtungen und müssen daher ein entsprechendes Risikomanagement sowie Notfall- und Krisenpläne nachweisen. Auch medizinisch-technische Geräte fallen als Netz- und Informationssysteme unter die Vorgaben und müssen dem Stand der Technik entsprechen.

"Gesundheitseinrichtungen betreiben zwar oftmals ein Qualitätsmanagementsystem, haben aber in den meisten Fällen kein Informationssicherheitsmanagementsystem und können ihre NIS-Konformität daher nicht nachweisen. Das Qualitätssicherheitsmanagementsystem ist allerdings eine solide Basis, um darauf aufbauend ein Informationssicherheitsmanagementsystem zu begründen. Cyberangriffe, IT-Ausfälle und Betriebsunterbrechungen können in Krankenhäusern zu verheerenden Auswirkungen für Leib und Leben führen. Mit einer Zertifizierung nach ISO 27001 erfüllen sie die organisatorischen Anforderungen des NISG 2026 und sichern gleichzeitig ihre Versorgungsqualität", erklärte Mann. Informationssicherheit sei dabei keineswegs nur Sache der IT-Abteilung, sondern ein Management- und Organisationsthema, an dem das gesamte Haus mitwirken müsse.

KI als zusätzliches Augenpaar bei der Medikation

Wie digitale Werkzeuge ganz konkret zu mehr Sicherheit beitragen können, erläuterten schließlich Magdalena Hoffmann von der Stabstelle Qualitätsmanagement der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft, sowie Judith Schinerl, Product Owner Health & Social Care bei Cancom Austria. In ihrem Vortrag "Sichere Medikation: Digitale Unterstützung für die Pflege" stellten sie das Projekt SiMed vor. Die Vorbereitung und Verabreichung von Arzneimitteln im Spital ist ein komplexer Ablauf mit vielen ineinandergreifenden Arbeitsschritten. SiMed setzt deshalb auf eine KI-gestützte Kontrolle bereits vorbereiteter Medikamente, die Pflegekräfte frühzeitig auf mögliche Abweichungen hinweist und so als digitales zweites Augenpaar fungiert. "Wo Menschen hochkomplexe Tätigkeiten unter Zeitdruck und unterbrochen von zahlreichen Anforderungen durchführen, können Fehler passieren. Entscheidend ist, Systeme so zu gestalten, dass mögliche Fehler frühzeitig erkannt werden und nicht zu Schäden bei Patient:innen führen", betonte Hoffmann. 

"Künstliche Intelligenz und Digitalisierung sollen Mitarbeitende nicht ersetzen, sondern sie bei anspruchsvollen Aufgaben unterstützen. Mit SiMed schaffen wir ein zusätzliches Sicherheitsnetz, das die Pflege entlastet und einen wichtigen Beitrag zur Patientensicherheit leisten kann", ordnete Schinerl ein. Aus Sicht der Vortragenden zeigt das Projekt, welche Möglichkeiten die Digitalisierung eröffnet, um komplexe Versorgungsprozesse sicherer zu machen und gleichzeitig die Pflegekräfte zu stärken.

Norm mit großer Wirkung

Den Schlusspunkt des diesjährigen Gesundheitsforums setzte Pfeffer-Larsson mit einem Plädoyer für die ISO 7101:2023 und somit einer Norm, der sie für Gesundheitsbetriebe eine große Wirkung attestierte. "Die zehn Trends des Gesundheitswesens findet man aus der Perspektive des Qualitätsmanagements in der ISO 7101 abgebildet. Sie ist daher für Gesundheitseinrichtungen auch das geeignete Werkzeug, um diese Themen in die Praxis zu übertragen und zielführend zu behandeln", so die Branchenmanagerin abschließend.

www.qualityaustria.com

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