Erwin Wurm in Venedig
Wenn Kissen zu Träumern werden: Das Museo Fortuny präsentiert Erwin Wurm erstmals in Italien

| Gerhard Krispl / LEADERSNET-ART Herausgeber 
| 12.08.2026

Das Museo Fortuny widmet dem österreichischen Bildhauer Erwin Wurm seine erste monografische Ausstellung in Italien.

Geboren 1954 in Bruck an der Mur, hat Erwin Wurm im Laufe seiner Karriere den Begriff der Skulptur radikal erweitert und dabei Vorstellungen von Zeit, Masse und Oberfläche, Abstraktion und Repräsentation infrage gestellt. Seit vielen Jahrzehnten untersucht er Kleidung als skulpturales Material und setzt sich mit dem Verhältnis von Körper, Hülle und Identität auseinander – eine künstlerische Fragestellung, die immer wieder Berührungspunkte mit den textilen Visionen von Mariano und Henriette Fortuny aufweist.

Erwin Wurm Dreamers im Museo Fortuny, Ausstellungsansicht
"Dreamers" ist die erste umfassende Einzelausstellung des österreichischen Bildhauers in Italien. © Foto Manfred Lach

Die Ausstellung. Ein Dialog zwischen den Skulpturen von Erwin Wurm und dem Werk Mariano Fortunys. Kuratiert von Elisabetta Barisoni und Cristina Da Roit.
Die Ausstellung zeigt den Dialog zwischen den Skulpturen von Erwin Wurm und dem Werk Mariano Fortunys. Kuratiert von Elisabetta Barisoni und Cristina Da Roit. © Foto Markus Gradwohl

Von den One Minute Sculptures zu den Dreamers

Nach dem Studium an der Akademie der bildenden Künste und der Angewandten in Wien in den späten 1970er- und 1980er-Jahren brachten Wurm seine "One Minute Sculptures" (1996/97) internationalen Erfolg. Darin gibt der Künstler Betrachter:innen Anweisungen für Handlungen oder Posen mit Alltagsgegenständen wie Stühlen, Eimern oder Pullovern. Diese Skulpturen sind von Natur aus flüchtig, was dazu geführt hat, dass Wurm die formalen Qualitäten unterschiedlicher visueller Sprachen herausfordert und die Grenzen zwischen Kunst und Alltag, Betrachter:in und Teilnehmer:in aufhebt. In der Serie "Dreamers" werden überdimensionale Kissen, getragen von menschlichen Gliedmaßen, zur Metapher für die Welt der Träume.

Erwin Wurm. Dreamer, One Arm (2024). Aluminium, paint.
Erwin Wurm. Dreamer, One Arm (2024). Aluminium, paint. 92 x 148 x 93 cm. © Erwin Wurm, Bildrecht, Wien 2026. Foto Markus Gradwohl

Der Körper als skulpturales Material

Wurm betrachtet die körperliche Zu- und Abnahme von Gewicht als skulpturale Geste und erzeugt in seinen Werken oft die Illusion von körperlichem Wachstum oder Schrumpfung. Auch Humor ist ein wichtiges Instrument seiner Arbeit – zugleich wirft sein Werk grundlegende philosophische, psychologische und gesellschaftliche Fragen auf. Eine Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft zeigt sich häufig in seiner Praxis, besonders als Reaktion auf kapitalistische Einflüsse und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Druck, den der Künstler als Widerspruch zu unseren inneren Idealen begreift.

Erwin Wurm. Yikes (Substitutes), 2024.
Gewänder ohne menschliche Figuren. Erwin Wurms "Substitutes" (2024). © Foto Manfred Lach

Kleidung als skulpturale Erweiterung des Körpers

Im Zentrum des Dialogs mit dem Palazzo Fortuny steht Kleidung als skulpturale Erweiterung des Körpers. In der Serie "Substitutes" zeigt Wurm Gewänder ohne menschliche Figuren – Monumente der Abwesenheit, die die letzte Geste jener bewahren, die sie einst trugen. Die Analogie zu Fortunys "Delphos"-Kleid liegt nahe: eine Hülle, bereit, den Körper aufzunehmen, doch ohne eigenständige Struktur ohne ihn. Ein besonders sprechender Vergleich entsteht zwischen Fortunys "Knossos"-Schal und der Skulptur "Yikes": beides einfache Stoffrechtecke, die erst in Bezug zur Person Bedeutung gewinnen.

Erwin Wurm. Dreamers
Museo Fortuny, Venedig
6. Mai bis 22. November 2026
www.fortuny.visitmuve.it

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Herausgeber von LEADERSNET-ART ist Gerhard Krispl.

 

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