LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Zischek, Datensouveränität ist derzeit in aller Munde. Warum gewinnt das Thema gerade jetzt so stark an Bedeutung?
Yves Zischek: Das Thema hat durch die aktuellen geopolitischen Entwicklungen noch einmal deutlich an Bedeutung gewonnen. Wir sehen, wie sich große Staaten und Wirtschaftsräume zunehmend abschotten oder gegenseitig unter Druck setzen. Das zeigt auch Europa, wie verletzlich wir in manchen Bereichen geworden sind. Wenn gewisse Regierungsmitglieder plötzlich bestimmte Softwarelösungen nicht mehr nutzen dürfen oder der Zugang zu Technologien eingeschränkt wird, wird deutlich, wie abhängig man sein kann. Für mich ist Datensouveränität letztlich eine Frage des Risikomanagements. Bei physischen Infrastrukturen bewerten wir Risiken laufend, bei Daten tun wir das oft noch zu wenig. Deshalb braucht es Alternativen und die Möglichkeit, auf verschiedenen Ebenen unabhängiger zu werden.
LEADERSNET: Welche Rolle spielen Rechenzentren dabei?
Zischek: Ich glaube, dass es auf Infrastruktur-Ebene absolut Sinn macht, wenn Österreich und Europa unabhängiger werden. Rechenzentren sind eine zentrale Grundlage der digitalen Wirtschaft. Professor Helmenstein bezeichnet sie als die Dampfmaschinen des 21. Jahrhunderts. Er hat aufgezeigt, dass jene Regionen, die früh auf Dampfmaschinen gesetzt haben, oft bis heute wirtschaftlich besonders stark sind. Seine These lautet, dass Orte mit moderner Rechenzentrums-Infrastruktur auch künftig wirtschaftliche Vorteile haben werden. Das ist ein spannender Gedanke und zeigt, wie wichtig solche Investitionen sind.
LEADERSNET: Was sollte Österreich konkret tun, um seine digitale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken?
Zischek: Nicht alles muss auf nationaler Ebene gelöst werden. Es macht aus meiner Sicht wenig Sinn, jede Produktion wieder nach Österreich zu holen. Sehr wohl sinnvoll ist es aber, auf europäischer Ebene Alternativen aufzubauen und gleichzeitig dort zu investieren, wo Österreich besondere Stärken hat. Dazu zählen Forschung, Universitäten und Ausbildung. Wir müssen verstehen, wie Algorithmen funktionieren, und Menschen befähigen, mit diesen Technologien umzugehen. Diese digitale Kompetenz wird künftig immer wichtiger.
LEADERSNET: Digital Realty investiert derzeit massiv in Wien. Welche Bedeutung hat das neue Rechenzentrum für den Standort Wien?
Zischek: Wir sind heute der größte Colocation-Anbieter Österreichs mit einem 24-Megawatt-Rechenzentrum und wir bauen derzeit in Wien den größten Rechenzentrums-Campus des Landes mit 40 Megawatt Kapazität in der Endausbaustufe. Direkt entstehen dadurch zwar vergleichsweise wenige Arbeitsplätze, die eigentliche Wertschöpfung entsteht aber rundherum. Allein an diesem Standort betreuen wir rund 200 Kunden, die wiederum eigene Mitarbeiter:innen, Dienstleister:innen und Partnerunternehmen beschäftigen. Studien zeigen, dass jeder Arbeitsplatz zusätzliche Beschäftigungseffekte auslöst und jeder investierte Euro weitere Investitionen nach sich zieht. Insgesamt sprechen wir von Investitionen in einer Größenordnung von mehr als einer Milliarde Euro für den Standort Wien.
LEADERSNET: Rechenzentren werden häufig wegen ihres Energieverbrauchs diskutiert. Welche positiven Effekte können sie für die Gesellschaft haben?
Zischek: Ein Beispiel ist unser Standort in Floridsdorf. Dort nutzen wir die Abwärme der Server und versorgen damit die benachbarte Klinik Floridsdorf mit Wärme. Das ist auch für künftige Projekte vorgesehen. Solche Lösungen können dazu beitragen, fossile Heizsysteme zu ersetzen und vorhandene Energie sinnvoll zu nutzen. In Europa gibt es mittlerweile mehrere Projekte, die zeigen, welches Potenzial hier vorhanden ist.
LEADERSNET: Ist Österreich aus Ihrer Sicht ausreichend digital aufgestellt?
Zischek: Es hat sich viel entwickelt, aber ich sehe noch Potenzial. In den vergangenen Jahren gab es gerade in Wien Engpässe bei Rechenzentrums- und Stromkapazitäten. Gleichzeitig haben viele Unternehmen ihre Digitalisierung noch nicht vollständig umgesetzt. Gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen gibt es noch Nachholbedarf – sei es beim Schritt in die Cloud oder bei der Nutzung moderner digitaler Infrastrukturen. Jetzt beginnt eine Phase, in der KI-Modelle mit Unternehmensdaten zusammenarbeiten und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Dafür braucht es die entsprechende Infrastruktur. Der Zeitpunkt für weitere Investitionen ist daher aus meiner Sicht genau richtig.
LEADERSNET: Worauf kommt es jetzt an, damit Österreich und Europa von dieser Entwicklung profitieren?
Zischek: Infrastruktur ist die Grundlage. Wenn Daten einmal weg sind, sind sie weg. Deshalb braucht es Investitionen in Rechenzentren und digitale Infrastruktur. Gleichzeitig müssen wir in Bildung, Forschung und Universitäten investieren, damit wir verstehen, was technologisch passiert. Die Menschen müssen mündig bleiben und erkennen, welchen Wert ihre Daten haben. Daten sind das neue Gold. Wer das versteht und die richtigen Rahmenbedingungen schafft, wird langfristig profitieren.
LEADERSNET: Blicken Sie trotz aller Herausforderungen optimistisch in die Zukunft?
Zischek: Grundsätzlich ja. Ich glaube, wir haben selbst in der Hand, wie sich die Digitalisierung entwickelt. Wenn wir sie klug nutzen, kann sie uns helfen, produktiver zu werden und mehr Zeit für jene Dinge zu gewinnen, die uns als Menschen ausmachen. Gleichzeitig glaube ich, dass das Analoge wieder stärker an Bedeutung gewinnen wird. Je digitaler unsere Welt wird, desto mehr werden wir auch echte Begegnungen und persönliche Erfahrungen schätzen. Deshalb bin ich trotz aller Herausforderungen optimistisch.
LEADERSNET: Vielen Dank!
Das ungekürzte Interview hören Sie in unserem Podcast:
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