LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Höllinger, was versteckt sich hinter der Marke Austrian Standards?
Valerie Höllinger: Austrian Standards ist die Institution in Österreich, die dafür sorgt, dass eins zum anderen passt. Sprich, wir sind dafür verantwortlich, dass wir Produkte, Dienstleistungen sowie Systeme standardisieren und damit die Welt ein Stück weit sicherer machen. Standards sind nicht immer sichtbar, aber sehr wirksam. Wir sind die unsichtbare Kraft, die für die nahtlose Kompatibilität aller Systeme sorgt. Und das tun wir tagtäglich, denn es betrifft den gesamten Alltag.
Auf Ihrem Weg hierher zu uns am Praterstern haben Sie wahrscheinlich mindestens ein paar Hundert Standards passiert und nicht wahrgenommen, mit denen wir leben. Das fängt damit an, dass die Bankomatkarte in den Bankomaten und in die Geldbörse passt, dass die Stiegen hier hinauf genormt sind, der Lichtschalter immer auf 105 Zentimeter ist und so weiter. Das sind die kleinen Themen des Lebens, und wir sagen: von der Wiege bis zur Bahre hast du ständig mit Standards zu tun. Das ist deswegen wichtig, damit wir ein sicheres Leben führen können und damit die Dinge zusammenpassen. Und das ist das, was wir den ganzen Tag hier tun.
LEADERSNET: Wie wichtig sind Standards für uns im Alltag und sind sie die Grundlage eines guten Zusammenlebens?
Höllinger: Ja, also eine Welt ohne Standards wäre für uns nicht lebbar. Und Standards fallen auch nur dort auf, wo sie fehlen. Wer in ein Drittweltland auf Urlaub oder Dienstreise fährt, merkt, welche Dinge dort nicht funktionieren. Und das heißt, dass es in den allermeisten Fällen die Abwesenheit von Standards ist, die das Leben schwierig machen.
Standards sind ja Normen. Wir leben also hier nicht nur mit technischen Normen, für die wir verantwortlich sind, wir leben alle auch mit sozialen Normen. Das heißt, all das macht unseren Alltag überhaupt erst lebensfähig oder lebbar, weil es einfach immer um Interessenausgleich geht. Und wir müssen einfach wissen, dass der Rechtskommende Vorrang hat. Darum geht es. Wir sind Teil des Regelwerks, das unser Leben erst möglich macht.
LEADERSNET: Es gibt viele neue Errungenschaften: Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Social Media. Haben wir in diesen Bereichen zu wenig oder doch zu viele Normen?
Höllinger: Dafür muss man verstehen, wie Normen überhaupt zustande kommen. Normen sind Regelwerke von der Wirtschaft für die Wirtschaft. Das heißt, Unternehmen in den allermeisten Fällen, aber genauso NGOs oder auch die öffentliche Verwaltung regen die Problemlösung an und wir kümmern uns darum, dass die Expert:innen an einen Tisch geladen werden, um diese Probleme zu lösen. Das heißt: Es kommen die Probleme aus der Wirtschaft, werden von der Wirtschaft geklärt und werden dann in sogenannte Standards eingegossen, die am Ende des Tages nicht verbindlich sind.
Anders als Gesetze sind diese Dokumente nicht unbedingt anzuwenden. Sie werden aber in aller Regel angewendet, weil es uns die Anschlussfähigkeit ermöglicht und dementsprechend die Exportmöglichkeit für unsere Produkte und Dienstleistungen. Stand-alone-Produkte kann ich mir derzeit eigentlich nicht mehr vorstellen. Diese Zeiten sind lang vorbei und das Thema hat sich einfach von technischen Regulatorien hin zu hoch strategischen Themen unserer Zeit entwickelt. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Automatisierung, autonomes Fahren, Thema Nachhaltigkeit und Quantentechnologie – das sind alles Themen, die ohne Normen, ohne Standardisierung gar nicht auf den Weg bringbar wären.
LEADERSNET: Wir befinden uns in durchaus wirtschaftlich angespannten Zeiten und erleben Hochs sowie Tiefs. Kann man mit Normen den Wohlstand in Europa, aber auch in Österreich absichern oder garantieren?
Höllinger: Eine starke Wirtschaft ist eine Wirtschaft, die entlang von Standards ausgerichtet ist. Und eine starke Wirtschaft ist eine Wirtschaft, die sich stark in die Standardisierung von allen relevanten Zukunftsthemen einbringt. Also, meine Antwort ist ganz klar: Ja. Weil, wann sind wir wirtschaftlich stark? Wenn möglichst viele Unternehmen Österreichs und Europas kooperieren – es ist ganz wichtig, auch auf diese Ebene zu schauen. Wir sind ja nicht allein, sondern der europäische Standpunkt ist ein hochrelevanter in der Standardisierung. Das heißt, wenn sich die Wirtschaft in die Standardisierung einbringt, regelt sie quasi die Technologien und die Themen der Zukunft mit, bringt sich ein und sagt, was morgen State of the Art sein muss. Und dann sind wir eine starke Wirtschaft.
Das Thema Innovation ist natürlich ganz wichtig. Eine starke Wirtschaft ist eine hochinnovative Wirtschaft, klarerweise. Standards sind der Enabler für Innovation und dementsprechend sichern wir über Innovationen auch unser wirtschaftliches Wachstum und damit die wirtschaftliche Stärke unseres Landes sowie Europas.
LEADERSNET: Es gibt oftmals den Ruf nach Entbürokratisierung. Ist diese denn mit den Standards vereinbar?
Höllinger: Entbürokratisierung und Standards sind ein Thema, das wir jetzt gerade im letzten Jahr klarerweise – weil natürlich auch die Regierung sich intensiv mit dem Thema beschäftigt – in Diskussion haben und Standards wirken ganz klar entbürokratisierend.
Wo und wie entsteht Bürokratie? Durch Komplexität, durch Doppelgleisigkeiten usw. Standards machen unter anderem Folgendes: Sie reduzieren Komplexität und schauen, dass Kompatibilität hergestellt wird. Eben darum sind Standards entbürokratisierend und nicht ein Faktor der Bürokratie.
LEADERSNET: Ein bisschen Verständnis für Spielregeln sollte es doch in der österreichischen Gesellschaft geben. Die gibt es oftmals nicht. Man sehnt sich nach dem, was man möglichst frei tun kann, und jede:r sagt, er:sie wünscht sich eigentlich, nur all das zu tun, was er:sie jetzt eben gerade fühlt. Aber in Wirklichkeit fühlen oder wünschen sich die Leute doch Standards. Was ist Ihr Appell an die Österreicher:innen, damit sie diese Standards wahrnehmen?
Höllinger: Standards garantieren Sicherheit und Vertrauen. Wir leben, Gott sei Dank, in einer Welt in Österreich und in Europa, wo genau diese Faktoren Sicherheit und Vertrauen in die Regulatorik gut gegeben sind. Und dementsprechend haben wir ein starkes Bedürfnis nach möglichst viel Freiheit. Nähmen wir diese Regulatorik weg, glaube ich, wäre dieser Wunsch nach Freiheit gar nicht so groß. Die Basis für Freiheit ist, dass wir einen guten Grund haben, der einfach auf Vertrauen und Sicherheit fußt.
Aber dieses Verständnis dafür, dass die Basis für ein gutes Zusammenleben – egal ob im privaten, beruflichen oder internationalen Bereich in Europa – Spielregeln und eine gemeinsame Sprache sind, würde ich in Österreich gerne noch erhöhen. Denn so können wir darauf vertrauen und unsere Energie, unsere Zeit und unsere Ressourcen für die Gestaltung von Innovationen nutzen.
LEADERSNET: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen oder müssen wir sie mit großem Respekt erwarten? Und gerade in Anbetracht vieler geopolitischer Unruhen: Können uns hier Spielregeln eine gewisse Sicherheit geben?
Höllinger: Ich bin davon überzeugt, weil die Interessen immer differenzierter werden und immer auseinanderstrebender werden. Gerade wenn ich mir die großen Blöcke anschaue wie Amerika, China und Europa, ist es wichtig, dass man immer wieder schaut, hier eine gemeinsame Sprache zu finden, die im Interesse aller ist. Und
dementsprechend bin ich zuversichtlich, dass Standards gerade auch in diesem Kontext einen wesentlichen Beitrag leisten werden.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.austrian-standards.at