"Die Schlüsselrolle spielt die Kooperation der Gäste"

Der Wiener Wirtschaftskammer Gastro-Chef Peter Dobcak im Interview über die ersten Öffnungsschritte, "Reintesten", "Reinimpfen", warum ein Wochenend-Lockdown für die Gastronomen nicht wirklich sinnvoll ist und wie Gastro-Gutscheine helfen können. 

Wegen der noch immer hohen Corona-Zahlen und der raschen Ausbreitung der südafrikanischen und britischen Mutationen ist mit einer baldigen Öffnung der Gastronomie wohl so schnell nicht zu rechnen. Die Bundesregierung ist aktuell aber erneut in Gespräche mit Experten, Landeshauptleuten und der Opposition getreten, um über die aktuelle Situation zu beraten und gegebenenfalls zu öffnen. In Medienberichten wird darüber spekuliert, ob nicht das Ende des Gastro-Lockdowns hinter verschlossenen Türen eventuell schon feststehe. Denn das Schweizerhaus suche auf seiner Website Personal bereits ab Mitte März: "Ab dem 15. März 2021 sind wir wieder für Sie da", lautet es.

Angesichts dieser Spekulationen hat LEADERSNET Peter Dobcak, Wirtschaftskammer Wien Fachgruppenobmann der Gastronomie, zum Interview gebeten.

LEADERSNET: Der Alptraum für Gastronomen und Freunde der lukullischen Genüsse dauert nun schon mehr als 100 Tage. Wie ist die Stimmung bei Ihnen persönlich? Wie lässt sich die Situation ganz allgemein beschreiben?

Dobcak: Die Stimmung ist irgendwo zwischen Verzweiflung und stiller Resignation. Besonders an den Nerven zerrt das oft monatelange Warten auf die Zahlungen aus dem AMS. Wir wollen unsere Mitarbeiter halten und die Betriebe durch die Krise bringen, doch über mehrere Monate die Personalkosten vorzufinanzieren und auf Fixkostenzuschüsse warten zu müssen, ist extrem nervenaufreibend. Ich bekomme täglich Anrufe von verzweifelten Kollegen, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

LEADERSNET:  Wäre denn nicht die ehebaldige Öffnung von Schanigärten ein erster und einfach umsetzbarer Schritt in die Normalität?

Dobcak: Im ersten Moment klingt das nach einer sehr guten Idee. Doch was machen jene Betriebe, die keinen Schanigarten haben? Bleiben diese geschlossen? Möglich wäre es, wenn diese Betriebe weiterhin finanzielle Unterstützung bekämen bis ein allgemeines Aufsperren erlaubt ist. Ob das bevorzugte Öffnen auch dem Gleichheitsgrundsatz entspricht wäre zu prüfen.

LEADERSNET: Welche Argumente haben Kritiker in petto, die gegen das Aufsperren der Gastgärten sprechen?

Dobcak:  Wir hoffen natürlich, dass die Gäste gleich für volle Schanigärten sorgen werden, doch ganz so wird es fürchte ich nicht sein. Das heißt, wir müssen unsere Betriebe hochfahren, womit natürlich auch die vollen Betriebskosten wieder anfallen. Ob der ausschließliche Betrieb der Schanigärten, womöglich zeitlich limitiert, einen kostendeckenden Betrieb ermöglicht, ist zu bezweifeln.

LEADERSNET: Welche positiven Aspekte sind vom "Reintesten" zu Erwarten? Wäre das nicht eine annehmbare Lösung für alle Seiten?

Dobcak: Die Schlüsselrolle dabei spielt die Kooperation der Gäste. Wenn diese "mitspielen" und ohne große Aufregung ihr negatives Testergebnis auf dem Mobiltelefon oder ausgedruckt beim Eintreten vorzeigen, dann klappt das. Auf große Diskussionen mit unseren Gästen wollen und werden wir uns nicht einlassen. Wobei zuerst einmal geklärt sein muss, ob wir als Gastronomen überhaupt das Recht haben solche Überprüfungen durchzuführen.

LEADERSNET: Weitergedacht könnte ja aus dem "Reintesten" ein "Reinimpfen" werden. Wie stehen Sie dazu?

Dobcak: Eines muss uns allen klar sein, es wird in absehbarer Zeit nicht mehr so sein wie vorher. Also, einen einfachen Besuch von Gastronomiebetrieben ohne irgendwelche Maßnahmen von Gästen und Gastronomen wird es nicht mehr geben. Um diese gewaltige Krise zu meistern, gilt es weniger auf seine Rechte zu pochen, sondern das Gemeinsame zu suchen. Die Menschen wollen wieder in die Lokale gehen und wir freuen uns auf unsere Gäste. Um das möglich zu machen ist zu tun, was zu tun ist, ob Testen oder Impfen.

LEADERSNET: Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker hat ja eine neue Idee ins Rennen geworfen: Den Wochenend-Lockdown. Was halten Sie davon?

Dobcak: Wir begrüßen alle Vorschläge und freuen uns, wenn wir bei unserer Bemühung bald wieder öffnen zu dürfen unterstützt werden. Wie so oft, steckt der Teufel im Detail. Das Mittagsgeschäft unter der Woche wird durch das sehr verbreitete Homeoffice deutlich geringer sein als bisher. Das Abendgeschäft unter der Woche ist durch den nächstfolgenden Arbeitstag zwangsläufig limitiert, besonders wenn es noch Ausgangssperren geben sollte. Das Hauptgeschäft wird nun mal vorwiegend am Wochenende gemacht und da ist zu.

Ein Gastronomiebetrieb ist kein Schichtbetrieb im Sinne von vier Tage offen, drei Tage geschlossen. Was mache ich mit der Ware, die am Donnerstag Abend übrig ist? Was mit dem angefangenen Fass Bier oder den Flaschen Wein, die noch halb voll sind? Beides ist nach drei Tagen nicht mehr wirklich genießbar. Verderbliche Ware in der Küche muss ich wohl am folgenden Montag entsorgen. Das heißt, neben den laufenden Kosten ist es operativ, sagen wir mal, eher schwierig, diesen Vorschlag in die Praxis umzusetzen. Ganz abgesehen von den Fixkosten, die über alle sieben Tage anfallen.

LEADERSNET:  "Sicherheitskampagne und Co.": Wie könnte man für den Fall der Öffnung die inländischen Gäste vermehrt in die Lokalitäten bringen? Oder muss man sie gar nicht anlocken, weil sowieso alle "ausgehungert" nach dem Vor-Corona-Leben sind?

Dobcak: Viele Menschen trifft die Krise bei ihrem Einkommen. Das heißt, viele werden sich zwei Mal überlegen, wie oft sie weggehen und vor allem, wie viel ausgegeben wird. Anfangs wird es sicherlich eine große Welle an Besuchen geben, doch sind die Entzugserscheinungen einmal befriedigt, wird sich die Frequenz, denke ich, vorerst auf einem niedrigeren Niveau als vor der Krise einpendeln. Helfen kann hier und hat auch schon letztes Jahr eine Neuauflage des Gastrogutscheins. Dieser war ein durchschlagender Erfolg.

LEADERSNET: Gibt es Möglichkeiten und Bemühungen, um bei den internationalen Gästen für die Zeit nach Corona positiv im Gedächtnis zu bleiben?

Dobcak: Die Freude über wiederkommende Gäste wird sehr groß sein. Dementsprechend auch unser Bemühen diese ganz besonders zu verwöhnen. Stringente Hygienekonzepte, die Vertrauen schaffen, geben den Gästen Sicherheit und damit steigt auch die Chance auf Besuche. Abgesehen von der Kreativität unserer UnternehmerInnen sich auf dem Markt zu positionieren.

LEADERSNET: Wie beurteilen Sie die erneuten Vorfälle in Tirol? Bringen diese ganz Österreich in ein schlechtes Licht?

Dobcak: Bekannte aus Tirol sagen mir, dass der Großteil der Tiroler Bevölkerung die Maßnahmen durchaus versteht. Ich glaube die Diskussion hat sich auf politischer Ebene aufgeschaukelt und dementsprechend zu bekannten Reaktionen auf allen Seiten geführt.

LEADERSNET: Was raten Sie den Tiroler Kollegen?

Dobcak: Es steht mir nicht zu, meinen Kollegen in Tirol etwas zu raten. Wir haben in Tirol eine exzellente Standesvertretung. Viel mehr freue ich mich, das Tiroler Land bald wieder besuchen zu dürfen.

LEADERSNET: Wie kommen die von der Schließung betroffenen Gastronomen derzeit über die Runden?

Dobcak:  Wie schon gesagt, der Großteil mehr schlecht als recht. Der Umsatzersatz hat sehr geholfen, doch die enorm verzögerte Auszahlung bei Fixkostenzuschuss und Kurzarbeit, vor allem in Wien, bringt viele an den Rand ihrer Existenz. Der täglich besorgte Blick auf den Kontoauszug ist entwürdigend.

LEADERSNET:  Bringen Lieferservice und Abholung eine Besserung der Lage? Oder kann man das nicht pauschal für alle Gastronomen sagen?

Dobcak: Als neuer Geschäftszweig wird Take Away und Lieferservice erhalten bleiben. Manche KollegInnen machen damit jetzt schon guten Umsatz. Für die Mehrheit ist es ein Weg, mit den Gästen in Kontakt zu bleiben, um sie für spätere Besuche zu erhalten. Geschäft ist es keines.

LEADERSNET:  Wollen schon viele das Handtuch werfen und ihre Betriebe verkaufen?

Dobcak: Ich hoffe, die Stundungen und weitere unterstützende Maßnahmen werden nicht abrupt gestoppt, sondern laufen langsam aus. Denn nach dem Öffnen wird es einige Zeit brauchen wieder Liquidität aufzubauen, um sich damit die Rückzahlungen leisten zu können. Wenn das nicht gelingt, wird es eine gewaltige Welle an Konkursen geben. Die Kollegen wollen weniger ihre Betriebe verkaufen, wenn, dann müssen sie es, weil sie finanziell und psychisch am Ende sind. Es stellt sich nur die Frage, wer diese Betriebe dann kauft? (jw)

www.wko.at

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