Wenn KI zum Albtraum wird

Im Reich der Mitte werden jetzt die Gehirnströme von Schulkindern überwacht.

Neulich ließ mich eine Meldung aus China hellhörig werden: In immer mehr Klassenzimmern sollen Schüler mit Stirnbändern ausgestattet sein, mit deren Hilfe ihre Gehirnströme gemessen und permanent ausgewertet werden. Den Berichten zufolge sehen die Lehrer in Echtzeit auf ihrem Tablet, wenn die Schüler in Gedanken gerade abschweifen.

Außerdem ist an der Vorderseite des Stirnbandes eine Lamperl angebracht. Leuchtet es rot, ist der Schüler aufmerksam, leuchtet es weiß, dann nicht. Gesichtserkennungssoftware in den Klassenräumen soll für zusätzliche Überwachung sorgen. Und, wie soll es auch anders sein in China, die Auswertungen werden nicht nur den Eltern, sondern auch an staatliche Stellen weitergeleitet. Auch den Schülern selbst werden die Daten zwecks Anheizung eines Wettbewerbs unter die Nase gerieben. >>Video Wall Street Journal

Zum Glück ist China ganz weit weg … das können wir uns jetzt freilich denken, während wir uns mit einem leicht schauerlichen Gefühl zurück in unsere Bürosessel lehnen. China entwickelt sich gerade zu einem orwellschen Überwachungsstaat der Extraklasse. Hier in Europa herrscht immerhin eine andere Auffassung darüber, inwieweit die Politik über unser Leben bestimmen darf. Aber sind wir deswegen vor solchen Entwicklungen gefeit? Ich glaube nicht. Auch in Europa wollen Behörden unbedingt Zugriff auf Whatsapp-Kommunikation. Möglich machen soll das bekannterweise der Bundestrojaner, der bald kommen soll.

Und wie sieht es in der Wirtschaft aus? Ich bin mir sicher, dass so manch übereifriges, kontrollwütiges Management auf unserem Kontinent ähnliche Werkzeuge schon längst in Betrieb genommen hat. Im Autobau, in Lagerhallen, generell in der Logistik und am Fließband ist auch bei uns immer öfter von sogenannten Mitarbeiter-Optimierungstools die Rede. Die schwammige Beschreibung klingt auf den ersten Blick gar nicht übel, schlägt aber im Prinzip in dieselbe Kerbe. Die Überwachung der Mitarbeiter von Banken ist bereits sehr weitgehend. Die Credit Suisse setze laut Medienberichten zur Mitarbeiterüberwachung etwa Software des US-Konzerns Palantir ein und protokolliere das Verhalten ihrer Angestellten minutiös. Palantir scanne sämtliche E-Mails der Mitarbeiter.

Erlauben dürfen sich die Multis derlei Aktionen leider schon. Denn über ein wenig Negativpresse und Skandälchen, für die Arbeitnehmerschutzorganisationen bei dem Thema hin und wieder sorgen, geht der Interventionismus nicht hinaus. Wie soll er auch? "Es muss ja keiner bei uns arbeiten", argumentiert die Unternehmensführung dann immer gerne. Wem das nicht passt, der könne ja gehen. Genau darin liegt das Problem: Solange es Menschen gibt, die sich das gefallen lassen (müssen), solange wir uns nicht wehren, solange werden sich diese Methoden immer mehr in unser Leben einschleichen und zu einer Selbstverständlichkeit werden. Und sie werden immer raffinierter.

expressis verbis von Rafael Budka


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