Auswirkungen der US-Midterms
Was Trumps Wahlklatsche für Wirtschaft und Börsen bedeutet

| Tobias Seifried 
| 04.11.2026

An den Finanzmärkten blieb nach dem Sieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen eine größere Reaktion aus. Eine heimische Finanzexpertin erklärt, welche Faktoren für die weitere Börsenentwicklung entscheidend sein könnten.

Die US-Zwischenwahlen haben die politischen Machtverhältnisse in Washington deutlich verändert – Politanalyst:innen sprechen gar von einem "blauen Tsunami". Denn die Demokraten gewannen sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat die Mehrheit und fügten Präsident Donald Trump und seiner Republikanischen Partei damit eine herbe Niederlage zu. An den internationalen Finanzmärkten blieb die unmittelbare Reaktion am Mittwoch allerdings überschaubar. Insgesamt ging es mit den Börsen eher nach oben, wobei aber nicht alle Branchen profitierten.

Nach Einschätzung von Karin Kunrath, Chief Investment Officer bei Raiffeisen Capital Management, war ein Machtwechsel bereits weitgehend erwartet und in den Kursen berücksichtigt worden. Überraschend sei teilweise das Ausmaß des demokratischen Erfolgs gewesen, etwa in traditionell republikanisch geprägten Bundesstaaten wie Kansas und Texas. Die neuen Mehrheitsverhältnisse werden allerdings erst im Jänner 2027 wirksam, wenn der neu gewählte Kongress seine Arbeit aufnimmt.

Politische Blockaden werden wahrscheinlicher

Für Trump dürfte es künftig deutlich schwieriger werden, größere Gesetzesvorhaben durchzusetzen. Gleichzeitig könnten auch die Demokraten ihre politischen Vorstellungen nicht ohne Weiteres verwirklichen. Für das Überstimmen eines präsidentiellen Vetos fehlen ihnen die erforderlichen Zweidrittelmehrheiten.

Kunrath rechnet deshalb mit verstärkten politischen Blockaden. Besonders bei der Budgetpolitik könnten schwierige Verhandlungen bevorstehen. Angesichts des hohen US-Haushaltsdefizits und der wachsenden Staatsverschuldung seien Konflikte über Staatsausgaben und die Schuldenobergrenze möglich. Auch ein neuerlicher Stillstand der Bundesverwaltung sei nicht auszuschließen, gehöre allerdings nicht zum wahrscheinlichsten Szenario der Expertin.

In der Außen- und Handelspolitik dürfte Trump hingegen weiterhin über beträchtlichen Handlungsspielraum verfügen. Insbesondere Zölle, Sanktionen und sicherheitspolitische Entscheidungen könnten daher für zusätzliche Schwankungen an den Finanzmärkten sorgen.

Historisch positive Börsenentwicklung nach Zwischenwahlen

Die bisherigen Marktreaktionen auf den Wahlausgang fielen laut der Finanzexpertin vergleichsweise gering aus. Sowohl US-Aktien als auch Staatsanleihen und der Dollar verzeichneten insgesamt nur überschaubare Bewegungen.

Ein Blick auf die Vergangenheit zeigt ein auffälliges Muster: Seit 1950 lag der US-Aktienindex S&P 500 zwölf Monate nach jeder Zwischenwahl im Plus. Der durchschnittliche Zuwachs betrug laut der von Kunrath angeführten historischen Auswertung rund 15 Prozent.

Daraus lasse sich allerdings keine verlässliche Prognose ableiten. So seien die Kurse nach den Midterms 2018 zunächst deutlich gefallen, bevor sich der Markt wieder erholte.

Auch eine politische Blockade müsse nicht zwangsläufig negative Folgen für die Börsen haben. Aus Sicht der Expertin könnten eingeschränkte politische Handlungsmöglichkeiten kurzfristig für Stabilität sorgen, weil abrupte gesetzliche Veränderungen unwahrscheinlicher würden. Langfristig könnten ausbleibende Reformen angesichts der hohen Staatsverschuldung jedoch zusätzliche Probleme verursachen.

KI-Investitionen und Anleiherenditen rücken in den Fokus

Für die weitere Entwicklung der Finanzmärkte dürften nach Einschätzung Kunraths andere Faktoren zunehmend wichtiger werden als die neuen Mehrheitsverhältnisse im Kongress. Dazu zählt insbesondere der Boom rund um künstliche Intelligenz.

Die Expertin sieht in diesem Bereich zwar weiterhin mögliches Kurspotenzial, verweist aber zugleich auf die hohen Erwartungen. Entscheidend werde sein, ob sich die umfangreichen Investitionen in Rechenzentren, Halbleiter und KI-Infrastruktur tatsächlich in entsprechend steigenden Umsätzen und Gewinnen niederschlagen.

Sollten die wirtschaftlichen Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten die hohen Bewertungen einzelner Unternehmen stärker hinterfragt werden. Auch Investitionspläne könnten dann unter Druck geraten.

Daneben dürften die Entwicklung der US-Konjunktur, die Inflation und die Anleiherenditen eine wichtige Rolle spielen. Zuletzt gesunkene Renditen könnten laut Kunrath unter anderem Erwartungen einer schwächeren Konjunktur und nachlassender Inflation im Jahr 2027 widerspiegeln.

Iran-Konflikt bleibt ein wesentlicher Risikofaktor

Besondere Bedeutung misst Kunrath auch der weiteren Entwicklung des Iran-Konflikts bei. Eine diplomatische Einigung könnte ihrer Einschätzung zufolge die Energiepreise und Inflationserwartungen dämpfen. Davon könnten sowohl Staatsanleihen als auch Aktien profitieren.

Eine neuerliche militärische Eskalation hätte dagegen möglicherweise weitreichende wirtschaftliche Folgen. Insbesondere steigende Energiepreise könnten die Inflationsentwicklung erneut belasten, Anleiherenditen nach oben treiben und Druck auf die Aktienmärkte ausüben.

Insgesamt bewertet Kunrath den Ausgang der Midterms daher zwar als politisch einschneidend, aber nicht zwangsläufig als Wendepunkt für die Finanzmärkte. Ob sich das historisch häufig beobachtete positive Nachwahlmuster wiederholt, dürfte ihrer Einschätzung zufolge vor allem von der weiteren Zins- und Inflationsentwicklung, der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der KI-Investitionen sowie den geopolitischen Risiken abhängen.

www.raiffeisenfonds.at


Hinweis für Leser:innen/Anleger:innen: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf bestimmter Aktien, Fonds oder anderer Wertpapiere dar. Die dargestellten Einschätzungen und Szenarien sind keine Garantie für künftige Entwicklungen. Veranlagungen an den Finanzmärkten sind stets mit Risiken verbunden. Kursverluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.

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