Wie bekannt wurde, beabsichtigt die österreichische Bundesregierung die öffentliche Beschaffung stärker als industriepolitisches Instrument einzusetzen. Bei großen Vergaben sollen künftig neben dem Preis unter anderem europäische Wertschöpfung, Versorgungssicherheit, Qualität und Lebenszykluskosten stärker berücksichtigt werden. Das Vorhaben ist Teil der sogenannten Industriestrategie Österreich 2035 und soll schrittweise im Vergabe- und Förderwesen verankert werden.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und Infrastrukturminister Peter Hanke präsentierten dazu das Leitprinzip "Made in Europe and Partner Countries". Von den insgesamt 117 Maßnahmen der Industriestrategie seien laut Wirtschaftsministerium mittlerweile mehr als 35 Prozent umgesetzt oder in Umsetzung. "Der Staat kauft jedes Jahr für rund 67 Milliarden Euro Produkte und Dienstleistungen ein. Dieses Geld ist ein gewaltiger Hebel für unseren Standort. Mit Made in Europe setzen wir deshalb einen weiteren konkreten Schritt unserer Industriestrategie um: Wir wollen öffentliches Geld stärker dafür nutzen, dass Wertschöpfung, Produktion und Arbeitsplätze in Österreich und Europa entstehen", so Hattmannsdorfer.
67-Milliarden-Euro-Schätzung beruht auf älteren Daten
Als Grundlage für das Vorhaben dient eine Analyse des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII). Die darin angeführte Summe von jährlich rund 67 Milliarden Euro ist jedoch keine aktuelle Erhebung. Sie geht auf eine Schätzung des durchschnittlichen Beschaffungsvolumens zwischen 2015 und 2020 zurück. Damals entsprach die Summe laut Studie etwa 18 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts. Für ihre eigene Untersuchung werteten die Autor:innen öffentliche Vergaben aus den Jahren 2023 bis 2025 aus, die im europäischen TED- beziehungsweise eForms-System erfasst waren. Von 37.993 identifizierten österreichischen Vergabedatensätzen enthielten 14.030 einen gültigen Zuschlagswert. Das untersuchte Volumen von insgesamt 93,6 Milliarden Euro bildet daher nur einen Teil des öffentlichen Beschaffungsmarktes ab.
Die verfügbaren Daten zeigen dennoch eine starke Konzentration. Auf lediglich 87 Vergaben beziehungsweise 0,6 Prozent der untersuchten Aufträge entfiel die Hälfte des erfassten Gesamtvolumens. Bei großen Infrastruktur- und Investitionsprojekten sieht die Bundesregierung deshalb einen besonders starken wirtschaftspolitischen Hebel. Rund 49,6 Prozent des analysierten Volumens entfielen auf staatsnahe Unternehmen des Bundes, weitere 21,5 Prozent auf staatsnahe Unternehmen der Länder.
"Die Republik und ihre Unternehmungen beschaffen in Milliardenhöhe Leistungen für die Schiene, Straße, Energie oder digitale Infrastruktur und sind daher essenziell für den Standort Österreich. Unsere Beschaffungslogik muss den Ansprüchen unserer heutigen Gesellschaft gerecht werden – dabei sprechen wir von hoher Qualität, sicheren Lieferketten und möglichst vielen Jobs in Österreich und Europa. Deshalb müssen wir bei großen Beschaffungen vermehrt Wert auf europäische Wertschöpfung, Resilienz und Souveränität legen. Entscheidend ist, was eine Investition über viele Jahre für unseren Standort, unsere Versorgungssicherheit und den Arbeitsmarkt bringt", erklärte Hanke.
Preis soll nicht mehr allein ausschlaggebend sein
Künftig sollen öffentliche Stellen und staatsnahe Unternehmen stärker auf das sogenannte Bestbieterprinzip setzen. Neben dem Anschaffungspreis sollen auch Qualität, Innovation, Versorgungssicherheit und Kosten über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts oder einer Anlage berücksichtigt werden. Wie hoch der Preis derzeit bei Vergabeentscheidungen gewichtet wird, unterscheidet sich laut ASCII-Analyse erheblich nach Branche und Auftragsart. Bei Bauarbeiten lag die durchschnittliche Preisgewichtung im ausgewerteten Datenbestand bei 84,7 Prozent, bei Architektur- und Ingenieurleistungen hingegen bei 56,5 Prozent.
"Die Analyse zeigt, dass öffentliche Beschaffung ein erheblicher wirtschaftspolitischer Hebel ist. Entscheidend ist, über den reinen Anschaffungspreis hinauszudenken und auch Lebenszykluskosten, Qualität, Innovation und Versorgungssicherheit zu berücksichtigen. Gerade bei großen Vergaben können gezielte Kriterien eine entsprechend große volkswirtschaftliche Wirkung entfalten", sagte Wifo-Ökonom Klaus Friesenbichler. Um kleineren und mittleren Unternehmen den Zugang zu öffentlichen Aufträgen zu erleichtern, sollen Projekte zudem häufiger in kleinere Lose aufgeteilt und Ausschreibungen vereinfacht werden. Bei Beschaffungen außerhalb Europas soll künftig nachvollziehbar begründet werden, weshalb kein europäisches Angebot zum Zug kommt.
Aktionsplan soll bis Ende 2026 vorliegen
Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einem Aktionsplan für strategische öffentliche Beschaffung, der bis Ende 2026 beschlossen werden soll. Große Unternehmen mit Bundesbeteiligung sollen sich darüber hinaus in einer "Made in Europe Declaration" zu den geplanten Grundsätzen bekennen. Auch Wirtschaftsförderungen sollen stärker an europäische Forschung, Technologie und Produktion gekoppelt werden. Als bisheriges Beispiel nennt das Ministerium den Europa-Bonus bei der Förderung von Photovoltaikanlagen. Beim Programm "Transformation der Industrie" sollen Unternehmen ab 2027 zusätzliche Bewertungspunkte erhalten, wenn sie europäische Technologien einsetzen.
Staatssekretär Sepp Schellhorn betonte dabei das Ziel, zusätzliche administrative Belastungen zu vermeiden: "Wolfgang Hattmannsdorfer, Peter Hanke und ich drücken bei der Industriestrategie gemeinsam aufs Tempo. Öffentliche Milliarden sollen mehr Wertschöpfung, Innovation und Versorgungssicherheit in Europa schaffen – ohne unserer Industrie einen neuen Bürokratierucksack umzuschnallen. Made in Europe darf nicht trotz Bürokratie erfolgreich sein, sondern muss wegen guter Rahmenbedingungen erfolgreich sein." Welche Länder neben den EU-Mitgliedstaaten als "Partner Countries" gelten und nach welchen Kriterien der europäische Wertschöpfungsanteil berechnet werden soll, geht aus der Ankündigung noch nicht hervor.
Industrie warnt vor protektionistischen Folgen
Herkunftskriterien lassen sich nicht uneingeschränkt auf nationaler Ebene einführen. Änderungen müssen mit dem europäischen Vergaberecht, den Grundsätzen der Gleichbehandlung sowie internationalen Handels- und Beschaffungsabkommen vereinbar sein. Österreich will sich deshalb auch auf EU-Ebene für einen Vergaberahmen einsetzen, der europäische Wertschöpfung und Lebenszykluskosten stärker berücksichtigt. Grundsätzliche Unterstützung für das Ziel kommt von der Industriellenvereinigung (IV). Zugleich warnt die Interessenvertretung vor möglichen Nachteilen für exportorientierte und international stark vernetzte Unternehmen.
"Das Ziel, europäische Produzenten zu skalieren und Wertschöpfung in Europa zu halten, teilen wir. 'Made in Europe' kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten – entscheidend ist jedoch die konkrete Ausgestaltung. Europa darf nicht in eine Spirale protektionistischer Maßnahmen geraten. Es gilt, vor allem für exportorientierte Branchen, praxistaugliche Lösungen zu finden", betont Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Nach Ansicht der IV ist Österreich sowohl auf verlässliche Zugänge zu Märkten außerhalb der Europäischen Union als auch auf ausländische Direktinvestitionen angewiesen. Herkunftsvorgaben dürften daher insbesondere jene Branchen nicht benachteiligen, die stark in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Ausnahmen oder flexible Lösungen seien außerdem notwendig, wenn benötigte Produkte und Technologien in Europa nicht in ausreichendem Ausmaß verfügbar sind.
"Made in Europe" könne nach Einschätzung der Interessenvertretung lediglich ein Teil einer umfassenderen Standortpolitik sein. Als vorrangige Voraussetzungen nennt die IV eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts, weniger Bürokratie, wettbewerbsfähige Energiekosten und die Umsetzung der europäischen Kapitalmarktunion. Zugleich betont sie die Bedeutung eines offenen Welthandels für die europäische Wirtschaft. Die Europäische Kommission verfolgt mit dem im März 2026 präsentierten Industrial Accelerator Act eine ähnliche Richtung. Vorgesehen sind unter anderem europäische Präferenzkriterien für bestimmte strategische Bereiche. Die genaue unionsrechtliche Ausgestaltung wird daher auch für die österreichischen Pläne entscheidend sein. Nach Ansicht der Bundesregierung sollen strengere Instrumente gegen Dumping und unfaire staatliche Subventionen zudem dazu beitragen, europäische Leitmärkte für Energiespeicher, emissionsarme Baustoffe und digitale Technologien aufzubauen.
Klimaschutzargument benötigt Differenzierung
Hattmannsdorfer begründet die stärkere Berücksichtigung europäischer Produktion auch mit höheren Umweltstandards. Der von ihm angeführte Anteil erneuerbarer Energien von 90,8 Prozent bezieht sich allerdings auf den österreichischen Bruttostromverbrauch und nicht auf den gesamten Energiebedarf der Industrie. Laut Statistik Austria kamen erneuerbare Energieträger 2024 auf einen Anteil von 20 Prozent am gesamten energetischen Endverbrauch.
"Es kann nicht unser Ziel sein, mit immer höheren Standards Produktion aus Europa zu verdrängen und dieselben Produkte anschließend unter schlechteren Bedingungen anderswo herstellen zu lassen. Was kurzfristig billig erscheint, ist am Ende oft teurer: durch verlorene Arbeitsplätze und Wertschöpfung, neue strategische Abhängigkeiten und weniger Klimaschutz. Deshalb wollen wir saubere Produktion, industrielle Stärke und gute Arbeitsplätze in Österreich und Europa halten", so Hattmannsdorfer.
Deutschland exportiert mehr nach Österreich als nach China
Als weiteren Beleg für die Verschiebung internationaler Wirtschaftsbeziehungen verweist das Ministerium darauf, dass Deutschland mittlerweile mehr nach Österreich als nach China exportiert. Für das Jahr 2025 trifft dieser Vergleich zu. China blieb wegen der deutlich höheren Importe nach Deutschland dennoch dessen wichtigster Handelspartner.
"Unsere Industriestrategie hat ein klares Ziel: Österreich soll wieder zu den Top 10 Industrienationen der Welt gehören. Dafür müssen wir auch die Milliarden der öffentlichen Hand stärker für unseren Standort einsetzen: bei Beschaffung und Förderungen mehr europäische Wertschöpfung auslösen, beim Einkauf Qualität und langfristige Kosten stärker berücksichtigen und Europas Marktmacht konsequenter nutzen", so Hattmannsdorfer abschließend.
Mehr zur Studie lesen Sie hier.
www.bmwet.gv.at
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