Interview mit Karin Stopa
"Die Investition in Gesundheit und Umwelt ist alternativlos"

| Bernhard Führer 
| 25.06.2026

Im LEADERSNET-Interview spricht Karin Stopa, JobRad-Österreich-Chefin, über die Expansion des Dienstradleasings in Österreich, die Anpassung an die stark KMU-geprägte Wirtschaftsstruktur und die größten Wachstumspotenziale im Markt. Zudem erläutert sie, wie sich die Nachfrage von Nachhaltigkeitsmotiven hin zu einem strategischen Benefit im Wettbewerb um Talente verschoben hat und welche Rahmenbedingungen für eine breitere Verankerung aktiver Mobilität notwendig sind.

Während in Deutschland bereits Millionen Arbeitnehmer:innen ihr Dienstrad über die Gehaltsabrechnung finanzieren, steckt der österreichische Markt noch in den Kinderschuhen – und genau hier setzt Karin Stopa an. Als Geschäftsführerin von JobRad Österreich hat sie den Auftrag, das Marktführermodell aus dem Norden in ein Land mit tief verwurzelter KMU-Kultur zu übersetzen. "Österreichische Unternehmer:innen reagieren manchmal gerade deshalb erstmal skeptisch, weil es im Dienstradleasing deutlich mehr Vor- als Nachteile gibt", sagt Stopa mit einem Augenzwinkern – und zeigt damit, dass echte Überzeugungsarbeit mehr ist als Zahlen präsentieren.

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Stopa, JobRad hat das Dienstradleasing in Deutschland als Marktführer etabliert. Sie sind angetreten, um diese Erfolgsgeschichte in Österreich fortzuschreiben und das Unternehmen auf steilen Expansionskurs zu führen. Österreich hat jedoch eine ganz eigene Wirtschaftsstruktur mit sehr starken KMU-Prägungen. Welche spezifischen Hebel nutzen Sie, um das Konzept des Dienstrads maßgeschneidert auf den österreichischen Markt zu übersetzen, und wo sehen Sie aktuell die größten Wachstumspotenziale?

Karin Stopa: Die starke JobRad-Marke und die Tatsache, dass wir DIE Dienstradpioniere und Marktführer in Deutschland sind, gibt uns für den österreichischen Markt natürlich enorm Rückenwind. Um die Erfolgsgeschichte in Österreich fortzusetzen, ist es wichtig, ein tiefes Verständnis für den Markt zu entwickeln, die Bedürfnisse österreichischer Unternehmer:innen zu verstehen und diese als vertrauensvolle Partner mit einer exzellenten Dienstleistung zu erfüllen. KMUs zum Beispiel suchen tendenziell unkomplizierte und pragmatische Umsetzung und Unterstützung bei der Kommunikation mit den Mitarbeitenden. Großunternehmen platzieren JobRad im größeren Kontext rund um ESG-, Gesundheits- oder Mobilitätsmaßnahmen und sind umfangreicheren Regulatorien ausgesetzt, die verstanden und berücksichtigt werden müssen.

Kurzfristig sehen wir im KMU-Bereich die größten Wachstumspotenziale – mit Großkunden, der Politik und Interessenvertreter:innen arbeiten wir mittel- und langfristig an Lösungen, die Fairness und Zugang zu JobRad für alle Mitarbeitenden ermöglichen.

LEADERSNET: Sie sprechen von Vertrauen und Partnerschaft – und tatsächlich klingt das JobRad-Modell auf den ersten Blick fast zu gut, um wahr zu sein: Arbeitgeber:innen sparen Lohnnebenkosten, Mitarbeitende kommen bis zu 40 Prozent günstiger an ihr Wunschrad, Fachhändler:innen profitieren regional. Sie selbst nennen das treffend ein "Win-win-win". Doch kein Modell ist makellos – wo liegen die blinden Flecken, was funktioniert in der Praxis noch nicht so reibungslos, wie es die Theorie verspricht?

Stopa: Tatsächlich gibt es im Dienstradleasing deutlich mehr Vor- als Nachteile und manchmal habe ich (mit einem Augenzwinkern) das Gefühl, dass österreichische Unternehmer:innen gerade deshalb erstmal skeptisch reagieren. 

Worauf aber müssen Arbeitgeber:innen unbedingt achten? Einschränkungen auf Grund von Kollektivverträgen und Auswirkungen auf die Pensionszahlungen (welche sich im Übrigen auf wenige Euros im Monat beschränkten) müssen mit dem gewählten Dienstradleasing-Anbieter unbedingt transparent diskutiert werden. Weiters entscheidet die Qualität der digitalen Plattform eines Anbieters über den Aufwand und die Akzeptanz bei den Mitarbeitenden. Dazu gehört Anwenderfreundlichkeit, aber auch Klarheit in der Darstellung der Kosten und Ersparnisse. Zu guter Letzt müssen unbedingt Versicherungs- und Supportleistungen geprüft und verglichen werden. JobRad hat es sich zum Ziel gesetzt, Risiko und Aufwand bei dem:der Arbeitgeber:in und Mitarbeitenden auf ein Minimum zu reduzieren, und daher sprechen wir alle steuer- und arbeitsrechtlichen Aspekte proaktiv an und stehen allen Beteiligten immer persönlich für Rückfragen zur Verfügung.

LEADERSNET: Mehr Fahrräder bedeuten weniger Emissionen – dieser Satz bringt die Mission von JobRad auf den Punkt. Zunehmend beobachtet man jedoch weniger Interesse an Nachhaltigkeitsthemen. Setzen Unternehmen auf Dienstradleasing heute eher aus Überzeugung für den Klimaschutz oder weil sie damit als Arbeitgeber:innen attraktiver werden? Wie hat sich die Motivation Ihrer Kund:innen in den vergangenen Jahren verändert?

Stopa: JobRad erhöht die Arbeitgeberattraktivität. Wir beobachten vor allem im KMU-Bereich, dass der Druck der Mitarbeitenden oft dazu führt, dass JobRad eingeführt wird. Der E-Bike-Boom der letzten Jahre hat bewirkt, dass längere (Arbeits-)Wege bequem zurückgelegt werden können und Radfahren per se attraktiver wurde. Großunternehmen, die auch berichtspflichtig sind, sehen im Dienstradmodell eine Möglichkeit, im Bereich CO₂-Reduktion und ESG-Zielerreichung wirksam zu werden. 

Auch wenn stagnierendes Wirtschaftswachstum und eine Abnützung des Nachhaltigkeitsthemas zu einer gewissen Trägheit führen, ist die Investition in Gesundheit und Umwelt alternativlos. 

LEADERSNET: Laut verschiedenen Studien nennen Beschäftigte flexible Benefits mittlerweile häufiger als klassische Gehaltserhöhungen als Grund für ihre Arbeitgeberzufriedenheit. Ist das Dienstrad für viele Unternehmen inzwischen vom "netten Extra" zum strategischen Instrument im Wettbewerb um Talente geworden?

Stopa: Große Benefit-Plattformen bestätigen, dass es nicht auf die Anzahl der Benefits ankommt, sondern darauf, ob sie inhaltlich die Zielgruppe treffen: Lehrlinge haben andere Wünsche als Jungfamilien oder Mitarbeitende im letzten Drittel ihrer Erwerbsfähigkeit. Wenn das Angebot die Mitarbeitenden in ihrer jeweiligen Lebensphase optimal abholt, erzeugt das Relevanz und bindet Talente an Unternehmen.

LEADERSNET: Relevanz durch Fokus – das klingt auch nach einem Führungsprinzip. Schauen wir hinter die Kulissen von JobRad Österreich: Expansionskurs bedeutet nicht nur Aufbruch, sondern auch schwierige Entscheidungen. Was war in den vergangenen zwölf Monaten die härteste strategische Weichenstellung, die Sie treffen mussten?

Stopa: Nach dem starken Wachstum 2020 ist eine Phase der Konsolidierung eingetreten, auf die wir uns einstellen mussten. Mitunter die größte Herausforderung für uns als Geschäftsführung war es, die richtigen Dinge wegzulassen. Die Strategie und im Nachgang die Organisation so zu straffen, dass jede:r Mitarbeiter:in Klarheit hat, was unsere Ziele sind und was der individuelle Beitrag zu diesen Zielen ist. Eigenverantwortung stärken, einen klaren Fokus auf unser Kundenversprechen, Leistung messbar machen und dabei den Zusammenhalt im Team stärken – das ist uns wichtig und macht Freude!

LEADERSNET: Das Fahrrad erlebt seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Vom klassischen Citybike über Gravelbikes bis hin zu E-Lastenrädern entstehen völlig neue Mobilitätsformen. Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit besonders aufmerksam, und welche Trends werden aus Ihrer Sicht oft noch unterschätzt?

Stopa: Egal von welcher Seite man es betrachtet – Radfahren verbindet! Und das finde ich besonders schön! Der Gravel-Boom bringt junge Paare gemeinsam auf die Strecke, Lastenräder helfen uns, den Alltag besser zu bewältigen, und mit E-Bikes werden neue Zielgruppen und Regionen erschlossen. Radfahren hat tatsächlich nur Vorteile quer über die Gesellschaft und daher ist es so unglaublich wichtig, dass aktive Mobilität fair und leistbar für alle zugänglich gemacht wird.

Unterschätzt werden mit Sicherheit die Chancen für Ballungsräume. Ich wünsche mir eine Verkehrsentlastung der Innenstädte und eine Gleichberechtigung für Fußgänger:innen, Rad- und Autofahrer:innen, um die Stadt als Begegnungsraum zu gestalten und sie für Bewohner:innen und Besucher:innen aller Altersgruppen attraktiv und lebenswert zu halten. Es gibt ein paar schöne Beispiele aus Skandinavien, an denen wir uns orientieren sollten.

LEADERSNET: Österreich diskutiert intensiv über die Verkehrswende, gleichzeitig dominiert das Auto vielerorts weiterhin den Alltag. Wenn Sie morgen einen "Mobilitätsgipfel" mit Politik, Wirtschaft und Städten organisieren dürften: Welche drei Maßnahmen würden Sie ganz oben auf die Agenda setzen?

Stopa: Erstens, fairer Zugang zu steuerschonenden Mobilitätsangeboten für alle, unabhängig von Arbeitgeber:in (Stichwort: öffentlicher Dienst) und Kollektivvertrag. Zweitens, in den Regionen Arbeitsgruppen aus Unternehmer:innen und Anrainer:innen schaffen, um gemeinsam Mobilitätsmodelle zu erarbeiten, die die Politik im Nachgang umsetzen darf. Drittens, Kultur und Wertearbeit initiieren, um Verständnis dafür zu schaffen, dass wir zusammen wirksamer sind!

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.at.jobrad.org

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