Fotos aus dem Gartenbaukino
"Die Blutgräfin" feierte Premiere zwischen Wiener Schmäh und Vampirmythos

Isabelle Huppert und Ulrike Ottinger präsentierten bei der Viennale eine Vampirkomödie, in der Wiens Hang zum Morbiden auf literarischen Sprachwitz und bizarre Gestalten trifft.

Am 24. Oktober 2026 bekam Wiens traditionsreiche Nähe zum Tod im Gartenbaukino eine ausgesprochen lebendige Gesellschaft. Im Rahmen der Viennale präsentierten Regisseurin Ulrike Ottinger und Hauptdarstellerin Isabelle Huppert "Die Blutgräfin". Zum Premierenabend kamen auch Tom Neuwirth, Thomas Schubert, Inge Maux, Felix Oitzinger, Valentin Postlmayr, Noah Saavedra, Karl Fischer und Tanja Raunig. Auf der Leinwand hingegen versammelte sich eine Gesellschaft, für die selbst das ewige Leben seine Tücken hat.

Ottinger, seit den 1970er-Jahren eine prägende Stimme des queer-feministischen Kinos, führt darin zwei Welten zusammen, die einander einiges zu erzählen haben. Der Vampirmythos trifft auf eine Stadt, die ihre Vergangenheit mit beträchtlicher Hingabe am Leben hält. Ausgangspunkt sind die Legenden um die ungarische Aristokratin Elisabeth Báthory. Aus ihnen entwickelt die Regisseurin eine fantastische Gegenwartserzählung, in der Huppert als Blutgräfin durch Wien zieht und zwischen historischen Gemäuern auf allerlei skurrile Gestalten trifft.

Auch das ewige Leben hat seine Probleme

An ihrer Seite wacht die tatkräftige Zofe Hermine, gespielt von Birgit Minichmayr, über die Interessen ihrer Herrin. Die beiden suchen nach einem geheimnisvollen Buch, das dem Vampirreich ein Ende bereiten könnte. Eine heikle Angelegenheit, zumal die Verwandtschaft keineswegs geschlossen hinter dem familiären Lebensmodell steht. Der von Thomas Schubert verkörperte Neffe lebt vegetarisch und bringt damit denkbar schlechte Voraussetzungen für eine standesgemäße Vampirexistenz mit. Sein Psychotherapeut, dargestellt von Lars Eidinger, gehört ebenso zum Figurenreigen wie zwei Vampirologen und ein Polizeiinspektor.

Aus solchen Widersprüchen gewinnt Ottingers Geschichte ihren Humor. Die Sorgen der Untoten führen mitten hinein in sehr menschliche Fragen nach Zugehörigkeit, Macht und dem eigenen Fortbestehen. Für die sprachlichen Spitzen fand die Regisseurin eine passende Mitstreiterin. Elfriede Jelinek wirkte an den Dialogen des von Ottinger verfassten Drehbuchs mit. So bekommt das Spiel mit den Konventionen des Vampirfilms auch eine literarische Schärfe.

Wien liefert die passenden Geister

Mitten in diesem Treiben behauptet sich Wien als eigenständige Figur. Der Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek, die Strudlhofstiege und der Narrenturm bilden gemeinsam mit der Seegrotte Hinterbrühl eine filmische Landschaft zwischen Repräsentation und Unterwelt. Kameramann Martin Gschlacht setzte die Schauplätze ins Bild, an denen sich die Geschichte der Stadt mit Ottingers Fantasie verbindet.

Wie eng beides zusammengehört, erläuterte die Regisseurin im ORF-"Kulturmontag". Orte seien mitsamt ihrer Geschichte selbst Protagonisten ihrer Filme. Einige der Wiener Schauplätze hatte sie bereits bei Besuchen in den frühen 2000er-Jahren entdeckt. Während die Finanzierung noch auf sich warten ließ, nahm ihre Vampirwelt über die Jahre weiter Gestalt an. Das lange Werden des Films ist damit auch die Geschichte einer beharrlichen Suche nach den richtigen Räumen, Kostümen und künstlerischen Verbündeten.

Die Untoten ziehen weiter

Seine Weltpremiere feierte der Film bereits bei der Berlinale 2026 in der Sektion Special Gala. Mit der Präsentation im Gartenbaukino kehrte die österreichisch-luxemburgisch-deutsche Produktion nun in jene Stadt zurück, die ihr so viel Stoff geliefert hatte. Ab 29. Oktober ist "Die Blutgräfin" regulär in den österreichischen Kinos zu sehen. Wien und seine Untoten haben schließlich noch einiges miteinander vor.

LEADERSNET begleitete die Premiere. Einen Eindruck können Sie sich mittels Galerie verschaffen.

www.viennale.at

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