Das Wiener Staatsballett freut sich über einen gelungenen Saisonauftakt. Mit John Neumeiers biografischem Ballett "Nijinsky" feierte die Compagnie am 20. Oktober ihre erste Premiere der Spielzeit 2026/27 in der Wiener Staatsoper. Das packende Stück beleuchtet das Genie und den Wahnsinn des Ausnahmetänzers Vaslaw Nijinsky von seinen großen Erfolgen mit den Ballets Russes bis zu seinen inneren Reifeprüfungen und seiner mentalen Erkrankung. Alessandro Frola in der Titelrolle und Ketevan Papava als Romola zogen das Publikum in ihren Bann. Das hochkarätige Ensemble und Dirigent Nathan Brock wurden mit Standing Ovations und lang anhaltendem Applaus belohnt.
Eine Faszination für die Ewigkeit
Für John Neumeier ist Vaslaw Nijinsky seit seiner Jugend eine tief prägende Schlüsselfigur. Alles begann in einer Bibliothek seiner Heimatstadt Milwaukee. Dort entdeckte Neumeier das Buch über den Tänzer, das den Grundstein für eine jahrzehntelange, intensive Beschäftigung mit dessen Leben und Werk legte. Über die Jahre trug der Choreograf unzählige Bücher, Dokumente und Erinnerungsstücke zusammen, sodass die Wiener Staatsoper die Sammlung in seiner Wohnung heute treffend als privates Nijinsky-Museum beschreibt.
Aus dieser tiefen persönlichen Verbundenheit erwuchsen auch Neumeiers choreografische Meisterwerke. Bereits im Jahr 1979 kreierte er das Kurzballett "Vaslav". Zum 50. Todestag des Ausnahmetänzers im Jahr 2000 folgte schließlich das mit dem Hamburg Ballett uraufgeführte Großwerk "Nijinsky". Neumeier treibt darin die Frage um, wie sich der wahre Mensch hinter der historischen Bühnenfigur entschlüsseln lässt. Er selbst hinterfragt, worauf der Fokus bei einer historischen Persönlichkeit liegen sollte und wer Nijinsky wirklich war, ob nun Mensch oder Künstler.
Sein Ballett führt beide Perspektiven meisterhaft zusammen. Nijinskys berühmte Rollen verwandeln sich in Spiegelbilder seiner Persönlichkeit, zwischen denen wichtige Wegbegleiter:innen aus seiner Kindheit, Familie und Karriere auftreten. Aus dem fließenden Wechsel von Erinnerungen, Emotionen und verschiedenen Zeitebenen erschafft Neumeier das, was er selbst eine Biografie der Seele nennt.
Ein letzter Auftritt als Ausgangspunkt
Den dramaturgischen Rahmen dieser Erzählung bildet der 19. Jänner 1919. An diesem Tag trat Vaslaw Nijinsky im Ballsaal des Suvretta House in St. Moritz zum letzten Mal öffentlich auf und nannte seine Vorstellung eine "Hochzeit mit Gott". John Neumeiers Ballett greift genau diesen historischen Moment auf. Es lässt auf der Bühne jene Gedanken, Erinnerungen und Wahnvorstellungen lebendig werden, die den Tänzer während seines finalen Auftritts tief im Inneren beschäftigen.
In der packenden Handlung erscheint zunächst das Trugbild von Serge Diaghilew, Nijinskys einstigem Mentor, Impresario und Liebhaber. Mit ihm kehren die glanzvollen Bilder aus der Ära der Ballets Russes zurück. Legendäre Bühnenfiguren wie der Harlekin, der Goldene Sklave aus "Scheherazade" und der Geist der Rose treten hervor, während sie sich untrennbar mit den Erinnerungen an Nijinskys Eltern und Geschwister verweben. So führt der Blick auf die große Bühnenkarriere das Publikum immer wieder zurück in das zutiefst persönliche Leben des Künstlers.
Eng damit verknüpft ist seine revolutionäre Suche nach einer eigenen choreografischen Sprache, die in Meisterwerken wie "L’Après-midi d’un faune", "Jeux" und "Le Sacre du printemps" ihren Ausdruck fand. Inmitten dieser künstlerischen Meilensteine taucht Romola de Pulszky auf, seine spätere Ehefrau. Nijinsky durchlebt noch einmal die schicksalhafte Begegnung auf einer Schiffsreise nach Südamerika sowie die überstürzte Heirat, die kurz darauf den endgültigen Bruch mit Diaghilew und den Ballets Russes nach sich zog.
Im zweiten Teil der Inszenierung verdichten sich die inneren Konflikte spürbar. Die Erinnerungen an Kindheit, Ausbildung und Familie gehen fließend in die bedrohlichen Visionen des Ersten Weltkriegs über. Neumeier stellt die tumultartige Premiere von "Le Sacre du printemps" der rohen Gewalt des Krieges und dem tragischen Tod von Nijinskys Bruder Stanislaw gegenüber. Während Romola als treue Stütze versucht, ihn durch diese schwierigen Phasen zu begleiten, gerät Nijinskys Wahrnehmung der Welt immer weiter aus den Fugen. Der Krieg wird schließlich zum düsteren Thema seines letzten Tanzes, mit dem das Ballett an seinen Ausgangspunkt im Hotel in St. Moritz zurückkehrt.
Musik zwischen Bühnenruhm und Kriegserfahrung
Dieser Wandel prägt auch die musikalische Gestaltung. Im ersten Teil erklingt neben kammermusikalischen Miniaturen Nikolai Rimski-Korsakows "Scheherazade". Die Musik führt in die Welt der frühen Ballets Russes und verweist auf den Goldenen Sklaven, eine jener Rollen, mit denen Nijinsky berühmt wurde.
Im zweiten Teil setzt Dmitri Schostakowitschs elfte Sinfonie "Das Jahr 1905" einen anderen Schwerpunkt. Die Komposition nimmt auf die blutige Niederschlagung einer Demonstration vor dem Winterpalast in St. Petersburg Bezug. Im Ballett begleitet sie die zunehmende Präsenz von Kriegsbildern und inneren Konflikten und erweitert damit den Blick vom persönlichen Schicksal auf die Gewalt der Zeit.
Gemeinsam mit Werken von Frédéric Chopin und Robert Schumann entsteht eine musikalische Collage, die die verschiedenen Ebenen des Porträts miteinander verbindet. Neumeier verantwortet neben der Choreografie auch Bühne, Kostüme und Licht und stimmt damit die visuelle Gestaltung auf seine tänzerische Erzählung ab.
Unter den Gästen
Die Premiere besuchten unter anderem Birgit Sarata (Grande Dame der Wiener Gesellschaft), Martina Malzer (Geschäftsführerin Bühne Baden), Isabella Leitenmüller (Psychotherapeutin), Paul Leitenmüller (CEO Opinion Leaders Network), Kristina Hammer (Präsidentin der Salzburger Festspiele) sowie Hermann Reichenspurner (Herzchirurg) und viele mehr.
Weitere Vorstellungen bis November
In den kommenden Aufführungen nähern sich wechselnde Besetzungen den zentralen Figuren. Neben Frola und Papava sind António Casalinho und Cassandra Trenary als Nijinsky und Romola angekündigt. Am 6. und 9. November übernehmen Victor Caixeta und Olga Esina diese Rollen. Diaghilew wird je nach Vorstellung von Eno Peci, Alessandro Cavallo oder Zsolt Török verkörpert.
Weitere Aufführungen finden am 22., 24., 27. und 30. Oktober sowie am 6. und 9. November 2026 statt.
LEADERSNET begleitete den Start in die Saison. Einen Eindruck von der Premiere können Sie mittels Galerie gewinnen.
www.wiener-staatsoper.at
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