Europas Energieversorger müssen sich auf eine neue Phase steigender Nachfrage einstellen. Neben Elektrifizierung und Energiewende entwickelt sich vor allem der Ausbau großer Rechenzentren zu einem zusätzlichen Faktor für den Stromverbrauch. Gleichzeitig wächst damit der Druck, Netze, Speicher und erneuerbare Erzeugungskapazitäten entsprechend aufzubauen. Der aktuelle Branchenreport "Energie & Solar" von Acredia und Allianz Trade sieht darin neue Geschäftsmöglichkeiten für die Energiewirtschaft, verweist aber auch auf hohe Investitionen und infrastrukturelle Engpässe.
Ausbau der Künstlichen Intelligenz
Eine wesentliche Rolle spielt dabei der Ausbau der künstlichen Intelligenz. Leistungsfähige KI-Rechenzentren benötigen kontinuierlich große Mengen Energie und eine stabile Stromversorgung. Für Energieunternehmen könnten dadurch neue industrielle Grundlasten entstehen. Chancen ergeben sich laut Bericht unter anderem durch langfristige Stromabnahmeverträge sowie zusätzliche Geschäfte rund um Netze und Speicher.
"Der KI-Boom ist gleichzeitig ein Energieboom. Für Versorger entsteht eine neue, langfristige Nachfrage mit erheblichen Wachstumsmöglichkeiten", sagt Michael Kolb, Vorstand von Acredia.
Österreich baut KI-Infrastruktur aus
Auch in Österreich wird in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz investiert. Mit der AI Factory Austria und dem geplanten KI-optimierten Supercomputer in Wien würden dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen. Die Bewerbung Wiens um eine europäische AI-Gigafactory zeige darüber hinaus, welches wirtschaftliche Potenzial mit dieser Entwicklung verbunden sei.
Parallel dazu haben erneuerbare Energien bereits einen hohen Anteil an der heimischen Stromproduktion. Im ersten Halbjahr 2026 stammten rund 45 Prozent der Stromerzeugung aus Wasserkraft, 13 Prozent aus Windkraft und geschätzte 17 Prozent aus Photovoltaik. Gleichzeitig erhöhte sich der Stromverbrauch gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 um 3,4 Prozent.
Heimische Energie soll Abhängigkeiten reduzieren
Der steigende Anteil von Wind- und Solarstrom hat für Europa nicht nur klimapolitische, sondern auch wirtschaftliche Bedeutung. Je mehr Energie innerhalb Europas aus erneuerbaren Quellen produziert wird, desto geringer fällt die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern und deren Preisschwankungen aus.
"Wind- und Solarenergie sind inzwischen auch eine Frage der wirtschaftlichen Sicherheit Europas. Mehr heimische erneuerbare Energie bedeutet weniger Abhängigkeit von internationalen Krisen und den Preissprüngen bei fossilen Energieträgern", so Kolb.
Die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten hätten die Gaspreise wieder steigen lassen. Die Folgen für den europäischen Strommarkt seien gleichzeitig deutlich geringer gewesen als während der Energiekrise 2022. Nach Einschätzung Kolbs verdeutliche dies, dass der Ausbau erneuerbarer Energien Europas Widerstandsfähigkeit bereits verbessert habe.
Schwankende Preise zeigen Grenzen der Infrastruktur
Mit der zunehmenden Produktion von Wind- und Solarstrom rückt allerdings eine andere Herausforderung stärker in den Vordergrund. An Tagen mit besonders hoher Solarstromproduktion kann zeitweise mehr Energie zur Verfügung stehen, als unmittelbar benötigt oder über die vorhandene Infrastruktur weitertransportiert werden kann. Die Folge sind teilweise sehr niedrige oder sogar negative Strompreise.
In Österreich waren diese Schwankungen 2025 deutlich zu beobachten. Insgesamt wurden 378 Stunden mit negativen Strompreisen registriert. Auf der anderen Seite standen 233 Stunden, in denen die Preise bei mehr als 150 Euro je Megawattstunde lagen.
Für Kolb zeigen diese Ausschläge, wo weiterer Handlungsbedarf besteht: "Europa hat zunehmend nicht das Problem, zu wenig erneuerbaren Strom zu erzeugen, sondern ihn zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort zu bringen."
Solange die Kapazitäten von Stromnetzen und Speichern nicht ausreichend ausgebaut seien, könne ein Teil der vorhandenen Energie wirtschaftlich nicht optimal genutzt werden. Dies könne wiederum jene Erträge belasten, die für weitere Investitionen in die Energiewende notwendig wären.
Netze und Speicher erfordern hohe Investitionen
Der Ausbau der Infrastruktur wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die weitere Entwicklung der europäischen Energiewirtschaft. Bevor sich die zusätzliche Stromnachfrage durch KI und andere Anwendungen bei den Energieunternehmen entsprechend bemerkbar machen kann, müssen Netze, Speicher und digitale Infrastruktur mit dem wachsenden Bedarf Schritt halten.
Dafür sind laut Branchenreport erhebliche Investitionen notwendig. Erschwert werde der Ausbau zusätzlich durch höhere Finanzierungskosten. Die Herausforderung besteht damit nicht nur darin, zusätzliche erneuerbare Energie zu produzieren, sondern diese auch bedarfsgerecht verfügbar zu machen.
Solarenergie gewinnt weiter an Bedeutung
Trotz der bestehenden infrastrukturellen Herausforderungen gehen Acredia und Allianz Trade langfristig von einem starken Wachstum der Solarenergie aus. Bis 2050 könnte sich deren Anteil am weltweiten Energieverbrauch nahezu vervierfachen und rund 30 Prozent erreichen.
Neben der Energiewende werde diese Entwicklung durch die zunehmende Elektrifizierung und den wachsenden Energiebedarf von KI-Anwendungen unterstützt. "Solarenergie wird in der weltweiten Energieversorgung deutlich an Bedeutung gewinnen. Elektrifizierung und KI sorgen dafür, dass der Strombedarf weiter wächst – und Solarenergie wird einen wesentlichen Teil dieser zusätzlichen Nachfrage abdecken müssen", sagt Kolb.
Abhängigkeit verlagert sich nach Asien
Der Ausbau erneuerbarer Energie kann zwar Europas Abhängigkeit von fossilen Energieimporten verringern, bei wichtigen Technologien besteht jedoch weiterhin eine starke Abhängigkeit von China. Solarmodule, Batterien, Energiespeicher und zahlreiche dafür benötigte Vorprodukte stammen überwiegend aus chinesischer Produktion.
Vor dem Hintergrund zunehmenden Protektionismus und geopolitischer Spannungen werden sichere und stärker diversifizierte Lieferketten daher wichtiger.
"Europa darf bei der Energiewende nicht eine Abhängigkeit durch die nächste ersetzen", meint Kolb. Der Ausbau erneuerbarer Kapazitäten und die Absicherung der dafür erforderlichen Lieferketten gehörten zusammen. Entscheidend werde sein, wie schnell Europa seine technologische Abhängigkeit reduzieren und Engpässe bei kritischen Komponenten überwinden könne.
www.acredia.at
www.allianz-trade.de
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