LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.
Nachdem es beim vergangenen Mal um die Pilzökonomie gegangen war, geht es dieses Mal um ambitionierte Nachhaltigkeitsprogramme von Fluggesellschaften, Logistiker oder Modegiganten, die seit Jahren in der Kritik, für ihren Gewinn der Umwelt zu schaden. Zwischen echtem Fortschritt und reiner PR schwimmen aber schnell die Grenzen.
Text: Dennis Miskic
Die Nutella-Dose gibt es jetzt auch mit grünem Deckel, Fast-Fashion-Kleidung verspricht Nachhaltigkeit, Amazon-Lagerhäuser werden künftig durch erneuerbare Energie betrieben und sogar der Ikea-Tisch soll nachhaltig abgeholzt worden sein. Große Konzerne kommen heutzutage nicht mehr ohne grüne PR aus.
Doch viele von ihnen können den Versprechen nicht immer gerecht werden. Daher fällt es leicht, alle in einen Topf zu werfen: die bösen Großen, die den Planeten für den Nettogewinn zerstören. Zwischen den Reihen gibt es aber jene, die ehrgeizige Programme durchführen. Wer sind die Unternehmen, die echte Nachhaltigkeitsstrategien liefern wollen?
"Eigentlich entscheidet sich alles im Bereich der Transparenz. Ob Unternehmen die eigenen Ziele, Referenzjahre und Treibhausgasbilanzen angeben, macht einen großen Unterschied", sagt Günter Getzinger von der TU Graz. In dem wissenschaftsbasierten Handlungsleitfaden für Unternehmen "Der Weg zur Klimaneutralität" empfiehlt Getzinger außerdem, den Klimaschutz auch im Kerngeschäft des Unternehmens zu verankern. Als positives Beispiel hebt er die ÖBB hervor, die sehr transparent mit ihren Nachhaltigkeitsmaßnahmen umgehen würden.
Wenn Haie fliegen könnten
Ein Beispiel findet sich auch in der Luftfahrt. Flugzeuge wurden nach dem Vorbild von Vögeln konstruiert. Schließlich sollen sie in der Luft fliegen. Wenn sich die mechanischen Vögel aber etwas von Haifischen abschauen könnten, würden sie leichter durch die Luft gleiten und dadurch auch Treibstoff sparen. So zumindest die Idee hinter einer durchsichtigen, punktierten Folie, die auf zertifizierten Flugzeugen angebracht wird und Kerosin sparen soll. Die Idee kam von der Lufthansa Technik und wurde seitdem auch in der Flotte der Austrian Airlines (AUA), die Teil der Lufthansa Group sind, übernommen. Die Rumpfteile und Triebwerksgondeln werden beklebt. Das macht eine Fläche von knapp 830 Quadratmetern pro Flugzeug. Umgerechnet sind das vier Tennisplätze. Die Riblet-Folie, auch AeroSHARK genannt, hat zu einer Treibstoffeinsparung von 0,7 Prozent geführt.
3.000 Tonnen CO₂ wurden durch die AeroSHARK-Folie im ersten Betriebsjahr eingespart.
Klingt wenig. Aber im ersten Betriebsjahr wurden damit 3.000 Tonnen weniger CO₂ verursacht – was 20 Flügen von Wien nach New York entspricht. Julia von Schmeling-Diringshofen sieht darin einen großen Erfolg. Die Arbeit ist aber noch lange nicht getan. "Wir sind uns unserer Umweltauswirkungen natürlich bewusst und arbeiten daran, diese zu reduzieren. Das Dringendste sind die CO₂-Emissionen, da haben wir eine klare Fahrt, wie wir die reduzieren wollen", so von Schmeling-Diringshofen.
Julia von Schmeling Diringshofen ist ESG Managerin bei den Austrian Airlines © bereitgestellt
Sie ist ESG-Managerin der AUA und in dieser Rolle für die Nachhaltigkeitsstrategien im Unternehmen zuständig. Kein einfacher Job, wenn man bedenkt, dass die Luftfahrt für etwa drei Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich ist.
Dafür wurden auch konkrete Ziele festgelegt. Bis 2050 hat sich die gesamte Luftfahrt zum Ziel gesetzt, eine neutrale Klimabilanz zu erreichen. Unvermeidbare Emissionen sollen hier durch Senkungen in anderen Bereichen ausgeglichen werden. Die AUA möchten außerdem den Kohlendioxidausstoß bis 2030 halbieren.
AeroSHARK wird in der AUA bei den Flugzeugtypen Boeing 777-300 und 777-200 angebracht © Amazon News
"Der wesentlichste Hebel zur Erreichung dieser Ziele ist zum einen die Flugmodernisierung. Neuere Flugzeuge mit modernerer Technik verbrauchen weniger Kerosin. Aber auch der Einsatz nachhaltiger Treibstoffe spielt eine wichtige Rolle", sagt von Schmeling-Diringshofen. Günter Getzinger von der TU-Graz hält fest, dass "alle Maßnahmen im Bereich der Effizienzsteigerung und des Kerosinverbrauchs bei Flugzeugen gut und richtig" sind.
50 Prozent des eigenen Kohlendioxidausstoßes möchten die AUA bis 2030 einsparen, um die Klimaziele zu erreichen.
Ein weiterer Punkt ist die Gewichtsreduktion. Damit hat sich Oliver Cantele beschäftigt. Der AUA-Kapitän teilt seine Zeit zwischen dem Flugzeugcockpit und dem AUA Head Office im Flughafen Schwechat auf, wo er für Umweltschutzmaßnahmen zuständig ist und das Projekt "AeroSHARK" geleitet hat. Während des Interviews im Head Office, gleich gegenüber den Terminals, fliegen immer wieder Flugzeuge durch den blauen Himmel – entweder im An- oder Abflug. Wie viel CO₂ wird da pro Flug wohl freigesetzt?
»Unsere Nachhaltigkeitsprogramme werden jetzt auch sehr ernst genommen. Und da freuen wir uns, viele Dinge umsetzen zu können.«
Oliver Cantele, AUA-Kapitän und Projektleiter
"Je leichter Flugzeuge und ihr Interieur sind, desto effizienter können sie betrieben werden. Entscheidend ist daher, jedes unnötige Gewicht konsequent zu vermeiden", so Cantele. Um Einsparungspotenzial zu identifizieren, wird er mit seinem Team ein Flugzeug systematisch ausräumen. Ziel ist es, jedes Detail zu hinterfragen. Denn selbst kleinste Faktoren machen einen Unterschied: Ein Stück Würfelzucker, das unnötigerweise an Bord mitfliegt und nicht verwendet wird, verursacht hochgerechnet rund 30 Kilogramm zusätzlichen Treibstoffverbrauch pro Jahr.
Oliver Cantele ist AUA-Kapitän und kümmert sich um Umweltschutz © Austrian Airlines
Das zeigt: Man muss nicht immer auf neue, technologische Innovationen setzen, um Emissionen einzusparen. "Wir priorisieren nicht nur Flottenmodernisierung, sondern verbessern auch gezielt die Treibstoffeffizienz unserer älteren Flugzeuge. Technologien wie AeroSHARK sind dafür wichtig und ein wesentlicher Bestandteil unserer operationellen Effizienzmaßnahmen, die rund um die aktuelle Thematik um Kerosinverfügbarkeit eine noch wichtigere Rolle spielen", so Cantele. Die Kerosinknappheit, verursacht durch den Nahostkonflikt, kann zumindest in diesem Teil des Hauses mit vorgehaltener Hand als Chance gesehen werden. "Unsere Nachhaltigkeitsprogramme werden jetzt auch sehr ernst genommen. Und da freuen wir uns, viele Dinge umsetzen zu können", sagt Cantele.
Phänomen Klimakommunikation
Auto fahren, fliegen und ab und zu mal Fleisch essen – gehört alles zum guten österreichischen Leben. Im Schnitt liegen Österreicher:innen mit einem ökologischen Fußabdruck von 5,9 globalen Hektar (gha) pro Person aber weit über der globalen Notwendigkeit. Die Crux bei der Sache: Nicht einzelne Personen können für den Klimawandel verantwortlich gemacht werden. Es sind große Konzerne, die den Großteil der Treibhausgase verursachen. Für echten Wandel müssten vor allem auch sie klimafreundlicher arbeiten, lässt sich logisch ableiten.
»Konsument:innen sind in Sachen Umweltfragen hochsensibel.«
Raphael Fink, Projektleiter Umweltzeichen, VKI
Die Klimakommunikation großer Unternehmen ist daher umso heikler und generell neu. Große Unternehmen kommen aber nicht mehr daran vorbei, sich und ihre Produkte oder Dienstleistungen in ein grünes Licht zu stellen. Dabei passieren schon mal – beabsichtigt oder nicht – einige Missgriffe. Unklare, falsche oder missverständliche Umweltaussagen gelten dann als Greenwashing. Österreichische Beispiele wären die Brau Union, die das Gösser Bier als "CO₂-neutral gebraut" vermarktete, oder die AUA, die einen "CO₂-neutralen Flug" von Wien nach Venedig bewarben. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) ging in beiden Fällen vor Gericht und bekam Recht.
Die Aussagen waren teils irreführend. "Viele Aussagen sind vage formuliert. Der Wahrheitsgehalt lässt sich für viele Verbraucher:innen nur schwer überprüfen. Konsument:innen sind aber in Sachen Umweltfragen hochsensibel und oft nicht in der Lage, die Glaubwürdigkeit der Aussagen allein zu beurteilen", schreibt Raphael Fink, Projektleiter für Umweltzeichen beim VKI auf Anfrage.
Grüner Warenkorb
Kaum ein Unternehmen steht weltweit so stark für modernen Konsum wie Amazon: in Sekunden bestellen, liefern lassen, zurückschicken, wieder bestellen. Gleichzeitig will der Konzern grüner werden. 2019 hat Amazon gemeinsam mit Global Optimism den "Climate Pledge" gegründet. Das Ziel: Netto-Null-Emissionen bis 2040.
Für Kund:innen ist vor allem das Programm "Climate Pledge Friendly" sichtbar. Produkte, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, bekommen auf Amazon ein kleines grünes Blattsymbol. Das soll beim Einkauf Orientierung geben.
Baldy-MesaSolarpark. Der Park erstreckt sich über 400 Hektar © Amazon News
Laut Amazon müssen Produkte dafür mindestens eine von mehr als 50 Nachhaltigkeitszertifizierungen erfüllen. Inzwischen sind Millionen Produkte Teil des Programms. Die Nachhaltigkeitsmerkmale der Produkte (wie Verpackungseffizienz für nachhaltigen Transport, sicherere Chemikalien oder recycelte Materialien) werden dann vor dem Einkauf sichtbar. Das heißt, wer möchte, kann sich seinen Warenkorb zumindest etwas nachhaltiger zusammenstellen.
53 Prozent der geprüften Umweltclaims im Jahr 2020 waren laut EU-Kommission "vage, irreführend oder unbegründet".
Kritik daran gibt es trotzdem. Der VKI bezeichnete "Climate Pledge Friendly" bereits als irreführendes Label, weil es unterschiedliche Zertifizierungen unter einem grünen Label zusammenfasst. Ein Produkt mit strengem Umweltzeichen kann dadurch ähnlich nachhaltig wirken wie eines, das nur wegen des geringeren Transportvolumens ausgezeichnet wird. Für Verbraucher:innen ist auf den ersten Blick kaum erkennbar, worin die konkrete Verbesserung liegt. Gleichzeitig wäre es zu einfach, bei Amazon nur von Greenwashing zu sprechen. Der Konzern investiert tatsächlich in erneuerbare Energie, elektrische Lieferfahrzeuge und effizientere Verpackungen. Laut eigenen Angaben wurden bereits Milliarden Pakete mit E-Fahrzeugen oder anderen emissionsärmeren Zustellformen ausgeliefert.
260 Projekte. Amazon investiert europaweit in erneuerbare Energien © Amazon News
Grünes China
Wenn vom Klimawandel gesprochen oder geschrieben wird, muss auch die Rolle Chinas erwähnt werden. Die 1,4 Milliarden-Einwohner:innen-Volksrepublik ist gleichzeitig der größte Emittent und zentraler Treiber der globalen Energiewende. Im Jahr 2024 ist China für 13 Milliarden Tonnen CO₂ verantwortlich. Das macht ein Drittel der weltweiten CO₂-Emissionen aus. Gleichzeitig hat das Land über 530 Millionen Euro in Projekte für erneuerbare Energien investiert – vor allem in Wind- und Solarkraftanlagen. Beides passiert parallel.
Talatan-Solarpark. Der Park in Westchina zählt zu den größten weltweit. © CGTN
Ein ambitioniertes Programm sieht vor, dass China bis 2030 den Höhepunkt der Kohlenstoffemissionen erreicht, um dann bis 2060 CO₂-neutral zu werden. Dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping ist es wichtig, schenkt man seinen Reden Glauben, "blaue Himmel, grüne Erde und klares Wasser" zu hinterlassen. Im April 2021 sprach er beim Leader Summit on Climate darüber, die "enormen Chancen der grünen Transformation" zu nutzen. "Lassen wir uns von der Innovationskraft antreiben, unsere Wirtschafts-, Energie- und Infrastrukturen zu modernisieren und ein gesundes Umfeld zu schaffen, das eine nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung weltweit fördert", so Xi.
Der Binnenfluss Tarim. In China ist er essenziell für den Erhalt der Taklamakan-Wüste. © Shutterstock
Den Widerspruch verstehen
Lange machte sich Skepsis gegenüber Chinas Interessen breit. Wie ernst könnte es China mit den Klimazielen meinen? Heute ist klar: Sie dienen Pekings eigenen Interessen. Hinter dem Handeln steckt kein ideologisches Ziel, sondern reine ökonomische Logik, Sicherheit und innenpolitischer Machterhalt. Bei einem Anstieg der globalen Temperaturen oder extremen Wetterereignissen wäre China stark betroffen.
China zeigt, dass Klimapolitik dann wirksam ist, wenn es auch mit Industriepolitik verzahnt wird, meint die Energieökonomin Claudia Kemfert. "Der Ausbau ist hochsubstanziell und verändert das Energiesystem real. Erneuerbare Energien decken einen wachsenden Anteil des Strombedarfs und bremsen das Emissionswachstum. Gleichzeitig ist der Ausbau klar industriepolitisch motiviert und sichert technologische Führerschaft", erklärt Kemfert. Oft wird der Ausbau der Erneuerbaren hervorgehoben, während die fossile Realität zu wenig Beachtung findet. Der zentrale blinde Fleck ist die Gleichzeitigkeit von grünem Ausbau und Kohleabhängigkeit. China investiert massiv in saubere Technologien, hält aber fossile Strukturen weiterhin aufrecht.
Was Europa davon lernen kann
China ist bereits Technologieführer in vielen Bereichen der Energiewende und prägt globale Märkte. Das Land senkt Kosten und beschleunigt den Ausbau sauberer Technologien weltweit. "Für echte Klimaführung braucht es jedoch auch einen klaren Rückgang fossiler Energien. Solange beides parallel läuft, bleibt die Rolle ambivalent", sagt die Expertin. Seitdem sich die EU 2019 mit dem Green Deal den Klimaschutz auf die Fahne geschrieben hat, weht politisch ein anderer Wind. Das Ziel ist es, die Emissionen bis 2030 zu halbieren und bis 2050 in allen Mitgliedstaaten klimaneutral zu werden. Kann sich die EU aber trotzdem etwas von China abschauen? "Europa kann strategische Klarheit, Tempo und die Verzahnung von Industrie- und Klimapolitik lernen. Märkte entstehen nicht von allein, sie müssen politisch gestaltet werden", betont Kemfert. Eine bloße Kopie des chinesischen Modells von Kontrolle über Staatsunternehmen und Unterdrückung von Widerspruch wird nicht funktionieren. "Europa sollte auf Transparenz, Wettbewerb und gesellschaftliche Beteiligung setzen, ohne neue fossile Abhängigkeiten zu schaffen", formuliert die Energieökonomin. Leichter gesagt als getan. Es dürfte aber Sinn machen, einige Dinge von China zu übernehmen. Schließlich geht es um viel.
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.
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