Auftakt der LEADERSNET-aehre-Kooperation
Mercedes Formel 1 Teamchef Toto Wolff im Interview

| Redaktion 
| 28.05.2024

Zum Auftakt der Kooperation zwischen LEADERSNET und aehre dürfen sich die Leser:innen gleich auf ein Highlight freuen. Toto Wolff hat für das Nachhaltigkeits-Businessmagazin mit seiner Tochter Rosa u.a. über die Zukunft der Formel 1 im Sinne der Klimaziele gesprochen. Zudem verrät er, ob er sich Sorgen macht, weil sie jetzt einen Führerschein hat.

Wie angekündigt, veröffentlicht LEADERSNET ab sofort einmal pro Woche Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in allen ihren Facetten von Environment über Social bis Governance. Im ersten Beitrag sprechen Mercedes Formel 1 Teamchef Toto Wolff und dessen Tochter Rosa unter anderem darüber, was die Königsklasse vorhat, um bis 2030 CO₂-neutral zu werden.

Rosa: Angenommen, du würdest ein Start-up gründen, welches wäre das?

Toto: Ich würde mich auf die Welt der neuen Technologien konzentrie­ren, denn in diesem Bereich ist es egal, wo auf der Welt du gerade bist – du kannst von überall aus ein globales Unternehmen aufbauen.

Rosa: Und welche Tipps würdest du jemandem mitgeben, der jetzt ein Unternehmen gründen will?

Toto: Ich würde sagen: Lerne so viel wie möglich. Schau, wo die Branchenleader sind und versuche dort einen Job zu bekommen. Und wenn du findest, dass du von allem genug verstehst, dann gründe dein Start-up und lass dich von in der Branche erfolgreichen Menschen inspirieren. Setz dich dorthin, wo alles passiert – und enjoy the ride.

Rosa: Heutzutage sind Nachhaltigkeit und Klimaschutz zentrale Themen. Ist das bei der Gründung eher ein Bremser oder kann das auch ein Turbo sein?

Toto: Die Welt ist unter Druck, denn der Klimawandel passiert eben. Und es ist völlig klar, dass Nachhaltigkeit heute ein zentrales Thema in jedem Unternehmen ist. Auch wir in unserem Team versuchen, positiv beizutragen, und zwar nicht nur mit Worten, sondern mit Taten. Wir beziehen 100 Prozent unserer Energie aus grünen Ressourcen. Wir bauen einen Solarpark. Wir versuchen, unsere Emissionen so stark wie möglich zu reduzieren. Wir fliegen mit „Sustainable Aviation Fuel“ (Anm.: nachhaltiger Luftfahrttreibstoff), und wo wir nicht CO₂ kompensieren, kaufen wir in einem "Book & Claim“-Zertifikatsverfahren Credits. Das Benzin, das wir für unsere Trucks verwenden, die zwischen den europäischen Rennaustragungsorten pendeln, ist ein Biokraftstoff. Und es gibt viele weitere Ansätze. Das kostet Geld, aber wir sind bereit, zu investieren, weil wir als Formel 1-Team mit diesem globalen CO₂-Fußabdruck auch ein Role Model sein möchten.

Rosa: Sebastian Vettel hat zum Karriereende thematisiert, dass Rennsport mitten in der Klimakrise ein Problem ist. Auch Nico Rosberg forderte angesichts der globalen Erwärmung den Umstieg der Formel 1 auf Elektrofahrzeuge. An welchen Schrauben kann man in der Formel 1 überhaupt noch drehen, um nachhaltiger zu werden?

Toto: Wenn man über die Formel 1 spricht und versucht, Klimaschutz zu assoziieren, dann ist das kontraintuitiv: Wir fahren mit Rennautos sinnlos im Kreis, wir fliegen große Cargo-Flugzeuge durch die Welt und transportieren viele Menschen zu den Rennstrecken. Die Wahrheit ist aber auch, dass wir mit dieser globalen Präsenz Dinge beeinflussen können. Wir haben jährlich eine Milliarde Zuschauer:innen und können hier unsere Technologien präsentieren. Wenn es möglich ist, unsere Emissionen zu reduzieren, wenn wir eine nachhaltige Technologie entwickeln, die zukünftig in den Autos eingesetzt werden kann – dann ist das wichtig! Wir fahren heute schon mit einem Biokraftstoff. Wir werden 2026 einen Motor haben, der zu 50 Prozent Elektromotor und zu 50 Prozent Verbren­ner ist und der mit einem zu 100 Prozent nachhaltigen Kraftstoff fährt. Wenn wir dort eine Initialzündung geben können, dass dieser Sprit nicht nur nachhaltiger ist, sondern auch erschwinglich und dazu noch eine entsprechende Leistung liefert, dann haben wir Wichtiges dazu beigetragen.

© aehre/Jonatan Langendorf,  CM Visuals 

Rosa: In welchen Bereichen kann man noch eine Vorbildfunktion haben?

Toto: Auch unsere Konzepte, wie man Mensch und Cargo mit geringstmöglichen Emissionen durch die Welt fliegen kann, könnte für andere Industrien ein Modell sein. Fakt ist, man wird immer fliegen und man wird immer reisen. Wir versuchen zu zeigen, wie man das bestmöglich und mit dem allerkleinsten CO₂-Fußabdruck machen kann. Auch unsere großen globalen Sponsoren sagen: "Wenn das Formel-1-Team das kann, dann können wir das auch.“ Diese Impulse geben wir gerne an die großen Unternehmen weiter. Wir haben ja den direkten Zugang zu den CEOs.

Rosa: Welche kleinen Rädchen kann man zudem noch drehen?

Toto: Es geht natürlich auch um jede Kleinigkeit. Wir entwickeln etwa Technologien, um mit unseren Fahrzeugen so wenig Bremsstaub wie möglich zu generieren, oder überlegen uns ein bestmögliches Reifen-Recycling. Die Formel 1 war in der technologischen Entwicklung immer vorn dabei, etwa bei Dingen, die heute in Straßenautos völlig normal sind wie ABS, Traktionskontrolle, Automatik. In Zukunft wollen wir eben zum Thema "Emissionen-Reduktion“ die Innovationen liefern. Das ist eine ganz wichtige Rolle der Formel 1.

Rosa: Die Regeländerungen 2014, bei denen zum ersten Mal ein Hybridauto benutzt wurde, waren bereits ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Was ist noch geplant?

Toto: Die Änderungen, die 2026 in Kraft treten werden, sind ein noch wesentlich größerer Sprung. Wir fahren heute auch schon mit 15 Prozent elektrischem Antrieb, in 2026 werden es aber ganze 50 Prozent sein. Zudem wird der konventionelle Verbrennungsmotor mit 100 Prozent nachhaltigem Kraftstoff betrieben. Das ist schon ein Quantensprung.

Rosa: Der Mercedes-Rennstall ist von seiner Firmenkultur etwa in Sachen Diversity und Recruiting ja sehr modern aufgestellt. Steht das eigentlich im Gegensatz zur recht altmodischen DNA des Motorsports an sich, Stichwort Boxenluder, Lautstärke, PS …?

Toto: Wir als Team glauben sehr stark daran, dass die Leistung an der Diversität gemessen werden kann. Der Rennsport war wohl immer eher ein "White, Middle-aged Men“-Umfeld, aber das ändern wir gerade. Wir haben ein Programm namens "Accelerate 25“, dessen Ziel es ist, mindestens 25 Prozent aller neuen Mitarbeiter:innen aus unterrepräsentierten Gruppen einzustellen. Das bezieht sich auf Gender, kulturellen Background, Religion oder Hautfarbe. Wir haben im ersten Jahr 38 Prozent erreicht. Darauf bin ich sehr stolz. Wenn ich heute durch das Team gehe, dann sehe ich einen viel größeren Anteil an Menschen, die vorher in der Formel 1 so gut wie nicht vertreten waren. Und ich denke, dass diese Vielfalt auch neue Perspektiven, Erkenntnisse und Meinungen eröffnet und uns bessere Entscheidungen treffen lässt.

Rosa: Glaubst Du, dass sich dadurch auch das Publikum verändern lässt?

Toto: Das alles passiert schon. Unser am stärksten wachsender Anteil an Zuschauenden und Fans ist weiblich und divers. Das heißt, dass wir mit unseren Initiativen erfolgreich sind, aber dass wir wohl auch gutes Entertainment bieten.

Rosa: Du gehörst der Generation X an, die maßgebliche Mitverantwortung an den Auswirkungen der Klimakatastrophe hat …

Toto: Na, danke (schmunzelt).

Rosa: ... ich dagegen zähle zur Generation Z, die nun noch lange mit den Konsequenzen leben muss. Was würdest Du meiner Generation gerne sagen?

Toto: Ich glaube, dass die Generation vor mir, die das starke industrielle Wachstum geprägt hat, wahrscheinlich den größeren Anteil dazu beigetragen hat. Man kann es der Generation aber nicht vorwerfen, weil es da auch um Prosperität ging und sie uns das gute Leben ermöglicht hat, das wir heute alle leben. Die Generation X ist aber die erste Generation, die danach streben muss, diesen industriellen CO₂-Fußabdruck so zu optimieren, dass der nächsten Generation etwas übergeben werden kann, was die Klimabilanz bestmöglich verbessert.

Rosa: Für dich war es immer sehr wichtig, dass ich viel Sport betreibe. Warum war das für dich so wichtig? Und hättest du eine Karriere von mir im Motorsport unterstützt?

Toto: Ihr habt mir schon relativ früh klargemacht, dass euch eine Motorsportkarriere nicht interessiert. Ich habe euch immer wieder auf die Kartbahn geschleppt, bei Dir hat das überhaupt nie funktioniert. Dein Bruder hat bereits als Sechsjähriger gesagt: "Ich fahre genau drei Runden und dann gehe ich wieder auf den Spielplatz.“ Und genau so hat er das gemacht. Was den Sport grundsätzlich betrifft, ist es sehr wichtig, sich als Kind bewusst zu werden, wo die Grenzen sind, wo man gut und wo man nicht gut ist. Der Sport ist da sehr ehrlich. Wenn du um die Wette läufst, siehst du, ob du schnell genug warst oder nicht.

Rosa: Warst Du vielleicht auch ein wenig froh darüber, weil der Motorsport, vor allem die Formel 1, ja doch eher eine Männerdomäne ist?

Toto: Ganz im Gegenteil. Susie ist auch Testfahrerin und arbeitet an vorderster Front, um das Interesse von jungen Mädchen zu wecken. Es soll unbedingt eines Tages weibliche Formel-1-Fahrerinnen geben, die wiederum Vorbild sein können für die nächste Generation. Und zwar nicht nur für Fahrerinnen, sondern auch für Mechanikerinnen oder Ingenieurinnen.

Rosa: Freut es dich, dass zumindest Jack großes Interesse am Motorsport zeigt?

Toto: Es freut mich und es sorgt mich. Die Sorge ist dabei wesentlich größer, weil Kartfahren und Motorsport gefährlich ist. Ich habe entsetzliche Unfälle gesehen. Diesen Schrecken kann ich als Elternteil sehr gut nachvollziehen. Deswegen sagt mein Grundinstinkt eigentlich, dass ich nicht möchte, dass er das macht. Er ist allerdings, wie du weißt, sehr kompetitiv. Es geht bei ihm immer darum, wer gewinnt und wer schneller ist. Ich würde mir mehr wünschen, dass er Skirennen fährt. Sollte er sich für eine Sportart entscheiden, wäre ich natürlich genauso kompetitiv wie er und würde versuchen, dass er das so gut wie möglich macht.

Rosa: Als ehemaliger Rennfahrer und aktueller Rennstallboss hast du ein sehr besonderes Verhältnis zu Risiko und Gefahr. Hat sich das auch auf unsere Erziehung niedergeschlagen?

Toto: Nein. Ich glaube, bei der Erziehung seiner eigenen Kinder kann man gar kein Risiko eingehen. Im Gegenteil: Man muss versuchen, ihnen Stabilität und Sicherheit zu geben. Und hier hat eure Mutter Stephanie alles richtig gemacht.

Rosa: Und wie fühlt es sich für Dich an, dass ich den Führerschein habe?

Toto: Mein erster Gedanke ist, dass ich mich unsicherer fühle, weil du jetzt auf der Straße unterwegs bist. Aber Du hast ja doch einiges von mir, du fährst richtig gut Auto (lacht). Du bist selbstbewusst und gleichzeitig zurückhaltend im Verkehr. Ich glaube auch, dass du das Talent gehabt hättest, als Rennfahrerin erfolgreich zu sein.

Rosa: Bist Du ein guter Beifahrer?

Toto: Ich bin ein Kontrollfreak, mir dessen aber bewusst, also kann ich das einigermaßen im Zaum halten. Susie fährt mit Sicherheit besser Auto als ich. Aber auch wenn ich mit ihr mitfahre, habe ich immer ein gewisses Gefühl des Kontrollverlusts. Sie kann damit allerdings besser umgehen, seit ich eine Runde als Beifahrer von Lewis Hamilton in Hockenheim gedreht habe. In jeder Kurve hatte ich Sorge, dass wir in der Mauer landen. Sie sagt, wenn ich mich sogar bei Lewis Hamilton unsicher fühle, dann ist das ganz okay, wenn das bei ihr auch so ist.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im neuen Nachhaltigkeits-Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und ab 6. Juni 2024 neu am Kiosk.

aehre – das Nachhaltigkeits-Businessmagazin

Themen: Environmental-, Social- und Governance

Geschäftsführerinnen: Maria-Grazia Nordberg und Annabel Köle-Loebell

Gründung: März 2023

Neutorgasse 12/10
1010 Wien

Tel.: +43 1 890 44 06

Kontakt: hello@aehre.media

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