LEADERSNET veröffentlicht regelmäßig Interviews, Porträts und Servicegeschichten von aehre. Dabei befasst sich das nachhaltige Businessmagazin stets mit einem der zentralen Themen der Gegenwart: Nachhaltigkeit, in all ihren Facetten von Environment über Social bis Governance, von Innovationen über Generationendiskurs bis zu Nachfolgethemen.
Nachdem es beim letzten Mal um neue Technologien gegangen war, die heute selbstverständlich sind und ursprünglich für und nicht selten von Menschen mit Behinderungen entwickelt wurden, geht es dieses Mal um die Zukunft. Dafür bat aehre den Gegenwartsdiagnostiker Stephan A. Jansen zum Interview. Ein Gespräch über festgefahrene Denkschemata, den innovativen Blick aus der Zukunft und die unterschätzte Intuition.
Interview: Karin Pollack
aehre: Was machen Sie morgens als Erstes, wenn Sie die Weltnachrichten hören?
Stephan A. Jansen: Dehnübungen, sowohl körperlich als auch im Kopf. Weil unsere Koordinatensysteme hier im Westen im vergangenen 20. Jahrhundert festgefahren sind. Egal, ob es um Geopolitik, Wirtschaft, Ökologie geht: Wir stecken in alten Mustern fest und müssen hier in Europa wieder eine gewisse Flexibilität zurückerobern, also Dehnübungen im Denken machen.
aehre: Was stimmt Ihren Wahrnehmungen zufolge nicht mehr?
Jansen: Die Kategorien, mit denen wir unsere Gesellschaft weiterentwickeln. Kapitalismus, Demokratie, Industrialisierung: Da denken wir in überholten Konzepten und wundern uns, dass sie im 21. Jahrhundert nicht mehr greifen, während überall sonst auf der Welt andere Modelle erfolgreicher sind.
aehre: Sind die Probleme politischen Ursprungs?
Jansen: Politiker:innen haben oft keine Antworten mehr auf Probleme, weil nationale Gesetze und Umverteilung keine Lösungen mehr sind. Denn die Welt funktioniert global, unternehmerischer und damit oft außerhalb des politischen Einflussbereichs. Die Aufgabe von Politik in demokratischen Verfassungen ist das Herstellen von kollektiv verbindlichen Entscheidungen. Das klappt kaum mehr und Koalitionen werden immer wackeliger.
aehre: Deshalb permanent Regierungskrise.
Jansen: Krisen allgemein führen dazu, dass Politik nicht mehr regiert, sondern nur reagiert. Zudem ist offensichtlich, dass Rechts und Links im politischen Koordinatensystem keine wirklichen Gegenpole mehr sind. Die extreme Linke und die Ultrarechten sind sich näher als jemals zuvor und verzeichnen bei Wahlen Zugewinne.
21. Jahrhundert – es braucht ein Update für Industrie, Demokratie und Kapitalismus.
aehre: Warum ist das so?
Jansen: Weil wir uns in einer Art Gleichzeitigkeitswende befinden. Überall finden Umbrüche statt, geopolitisch-militärisch, aber auch in Klima-, Energie-, Mobilitäts-, Landwirtschafts-, Wasser-, Arbeits- und Bildungsfragen. Zudem wird überall digitalisiert und vernetzt. Ärgerlich daran: Lösungen in einem Bereich erzeugen Probleme in anderen.
aehre: Können Sie ein Beispiel geben?
Jansen: Die Dekarbonisierung in der Klimawende. Viele sehen die wirtschaftliche und risikopolitische Notwendigkeit des Atomausstiegs, wissen aber, dass wir deutlich mehr Strom für Elektroautos und künstliche Intelligenz benötigen. Das ist ein Widerspruch, der politisch nicht so zu lösen ist, dass Mehrheiten zufrieden wären. Es gibt viele solcher Zielkonflikte, deshalb implodieren gerade demokratische Prozesse. Menschen vertrauen der Politik nicht mehr, weil sie ihre Problemlösungskompetenz verloren hat.
»Industrialisierung als Wohlstandsrezeptur aus dem 19. Jahrhundert ist nicht mehr zeitgemäß.« Stephan A. Jansen
aehre: Hat nicht auch die Wirtschaftskrise Anteil daran?
Jansen: Ja, zumindest für jene Industrie, die wir aus dem ersten Maschinenzeitalter kennen. Industrialisierung als Wohlstandsrezeptur aus dem 19. Jahrhundert ist kein zeitgemäßes Mittel mehr, trotzdem halten wir daran fest, weil wir gelernt haben, dass diese Form von Kapitalismus ein Heilsbringer war.
aehre: Ist es nicht so?
Jansen: Nein, im digitalen Zeitalter laufen Dinge anders. Wir erleben gerade den Übergang vom zweiten zum dritten Maschinenzeitalter. In den letzten 30 Jahren hat sich ein Plattformkapitalismus entwickelt, wie Google, Amazon oder Meta ihn praktizieren. Er dominiert die Welt und zwingt lokale Strukturen in die Knie. Europas Anteil daran beträgt zwei Prozent, außer der Betriebssoftware SAP und Spotify gibt es nichts. Wir haben den digitalen Anschluss verpasst.
aehre: Was ist das dritte Maschinenzeitalter?
Jansen: Das der künstlichen Intelligenz, das gerade beginnt. Also Chatbots, Agenten und KI-Anwendungen, die mit der echten Welt interagieren. Das sind Beobachtungs- und Entscheidungsmaschinen, die die Welt ohne Regulierung und Reflexion in eine Krise versetzen können. Intuitiv spüren wir, dass wir uns in der ersten wirklichen Transformation seit dem Zweiten Weltkrieg befinden. Aber gleichzeitig ist es so, dass es uns trotz wachsender Ungleichheit,
trotz Klimakrise, Inflation und Krieg niemals besser ging als heute.
2 Prozent der globalen, digitalen Plattformen sind europäisch.
aehre: Warum?
Jansen: Weil Transformationen Phasen zwischen "nicht mehr" und "noch nicht" sind. Unsere Demokratien sind zu langsam. Wir haben jahrzehntelang unsere Strukturen nicht mehr infrage gestellt. Genau das sollten wir tun.
aehre: Wie und wo beginnen?
Jansen: In größeren Zeiträumen zu denken, wäre eine Möglichkeit. Denken wir doch lieber ans Übermorgen, blicken dann von vorne nach hinten und entwickeln tatsächlich Lösungen für die Zukunft. Das ist der Ansatz der sogenannten Sprunginnovation, der uns langfristig wieder nach vorne katapultieren könnte.
aehre: Wie funktioniert Sprunginnovation?
Jansen: Es gab Zeiten, da war Europa seiner Zeit voraus. In der Entwicklung von Autos, in Chemie und Maschinenbau. Heute sind es andere Länder, die in den schon veränderten Märkten mehr Erfolg als Europa haben. Deshalb sollten wir eben besser ans Übermorgen denken. Auf diese Weise gelingt es, die Probleme zu sehen, die heute produziert werden und im Übermorgen Lösungen brauchen. Und die wir, weil wir ans Übernächste denken, heute schon angehen. Das ist Sprunginnovation. Und nicht dem hinterherhecheln, wo andere einen uneinholbaren Vorsprung haben, etwa bei E-Mobilität, Chipherstellung oder generativer KI.
Vorausdenken. Funktioniert dann, wenn die Probleme im Jetzt benannt werden, so Jansens Plädoyer gegen Denkfaulheit. © Christian Singer
aehre: Was fällt Ihnen dazu ein?
Jansen: Mobilitäts- und Gesundheitssysteme neu denken, zum Beispiel als Metaverse-Anwendungen: digital-analog und humanistisch. Wir können auch die Probleme benennen, die wir hier in Europa als Erste schon haben. Das sind die überalterten Gesellschaften.
aehre: Und daraus ein Erfolgsmodell machen?
Jansen: Genau, Lösungen für die Vorsorge und Versorgung der Rentner:innen finden. Es geht darum, wie wir besser leben und technologisch und sozial Gesellschafts- und Geschäftsmodelle entwickeln. Da geht es um Senior:innenheime der Zukunft, neue Wohnmodelle, Vorsorge und um neue Versicherungsgemeinschaften.
aehre: Haben Sie noch ein Beispiel?
Jansen: Ökologische Nachhaltigkeit, die gesundes Leben sichert. Für den Klimawandel haben wir eine gute Datenlage, wissen um Hitze und Wasserknappheit. Europa ist gut in Nachhaltigkeit. Wir werden unsere Städte dahingehend entwickeln, dass sie den Anforderungen der Zukunft standhalten. Das Hoffnungsvolle ist doch: Europa weiß, was Städte lebenswert macht. Deshalb kommen jetzt schon Millionen Tourist:innen aus aller Welt, vor allem aus heute boomenden Regionen wie China oder Indien. Jeff Bezos heiratet nicht zufällig in Venedig, es gäbe in den USA wohl auch schöne Plätze.
aehre: Was heißt das für Europa?
Jansen: Funktionierende, gesunde Städte müssen ein Exportprodukt werden. China und Indien werden eines Tages solche Lösungen brauchen. Gut, wenn wir sie übermorgen liefern können.
aehre: Fallen Ihnen noch andere Stärken Europas ein?
Jansen: Ich denke Aufklärung und letztendlich auch Demokratie sind Errungenschaften, die es in anderen Teilen der Erde nicht gibt. Aber wir befinden uns in einer Welle der Autokratisierung. Nur noch zwölf Prozent aller Menschen leben in vollständigen Demokratien. Wir wissen um die Vorteile. Im Sinne der Gleichzeitigkeitswende müssen wir unsere Demokratien dringlich und kooperativ weiterentwickeln. Sonst werden wir rechtsradikal autokratisiert.
aehre: Was meinen Sie?
Jansen: Derzeit sieht es so aus, als ob Demokratien sich selbst abschaffen, weil sie durch den humanistisch errungenen Schutz von Minderheiten und die damit verbundene Bürokratisierung die Durchsetzungskraft verlieren. Davon profitieren die Rechtspopulisten, deren offen ausgesprochenen antidemokratischen Ansichten bei Wahlen für einen Teil der Menschen sehr attraktiv zu sein scheinen. Wir müssen also Demokratie transformieren. Vor allem auch, weil Technologie in allen Bereichen Einzug hält.
Lebensqualität. Europas Städte und Gesundheitssysteme könnten ein Exportprodukt der Zukunft sein. © Christian Singer
aehre: Was haben Technologie und Demokratie miteinander zu tun?
Jansen: In einer zunehmend digitalisierten Welt wird Technologie das Ruder übernehmen, also auch Entscheidungen treffen. Das ist teilweise in China schon der Fall. Aber wir in Europa müssen uns heute schon Gedanken machen, wie wir Daten für kollektive Entscheidungen nutzen. All das – wie gesagt – aus dem Übermorgen betrachtet, ist eine riesige Chance, um Lösungen zu entwickeln, die dann andere, die das verabsäumt haben, brauchen werden.
20–30 Jahre dauert es, bis wirkliche Innovationen marktreif sind.
aehre: Aber wie soll das gehen, wer kann solche Weichenstellungen vornehmen und in welchem Setting?
Jansen: Das Wichtigste aus meiner Sicht ist, dass wir neue Transformationsdesigns starten – jenseits von Parteien und Lobbyisten, sondern die Expertise aus dem Volk rekrutieren. Vorstellbar wäre eine Art von Reallabor, in dem zufallsbasiert wahlberechtigte Mitarbeitende von Barbershops, alleinerziehende Krankenpfleger:innen, migrantische Kindergartenbetreuer:innen und andere Berufsgruppen zusammenkommen, um Lösungen für Probleme zu finden, von denen sie direkt betroffen sind.
aehre: Und dann?
Jansen: Sollten diese aus den Reallabors entstandenen Bürgerrät:innen Entscheidungsvorlagen für drängende Probleme erarbeiten und der Gemeinde oder dem Parlament präsentieren. Solche zufallsbasierten Designprozesse können sehr robuste Lösungen hervorbringen.
aehre: Was, wenn das nicht passiert?
Jansen: Dann war es in der Geschichte oft so, dass Kriege alte sklerotische Systeme beendet haben. Deshalb fände ich es besser, wenn Menschen ermächtigt würden, zu Zeitreisenden in eine lebenswerte Zukunft zu werden. Die Menschheit hat eine ungenutzte kollektive Intelligenz. Wir wissen als Individuen oft intuitiv, was alles nicht funktioniert.
»Wir sollten auf all die Dinge schauen, die in der Zukunft eine Überlebensfrage sind.« Stephan A. Jansen
aehre: Und wer ist das?
Jansen: Versicherungen und Banken. Sie haben verstanden, dass diese Form des Kapitalismus mittlerweile mit hohem Risiko verbunden ist. Risikoanalyse ist die Basis ihrer Produkte. Und weil es bei Banken und Versicherungen keine demokratischen Strukturen gibt, können sie entscheiden, Häuser aber auch Industrien in bestimmten Landstrichen nicht mehr zu versichern, weil das wegen der Folgen des Klimawandels unrentabel wäre. Banken könnten aufhören, Kredite für den Hausbau zu vergeben, aus ökologischen wie ökonomischen Gründen. Es könnte sein, dass unsere Wirtschaft eines Tages öko-autoritär sein muss. Staatlich oder versicherungsseitig.
aehre: Sie meinen, China sollte ein Vorbild sein?
Jansen: Wir sollten differenziert hinschauen. In China brauchte man Elektroautos dringend, weil die Luft in den Städten so schlecht war, dass es zu schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Bevölkerung kam. In China wird umweltbewusstes und gesundheitsförderliches Verhalten in einem Scoring-System erfasst und belohnt. Das passt zwar nicht in unser Koordinatensystem, findet aber statt. Am Ende denke ich, dass die Frage der Gesundheit eigentlich der allergrößte Hebel für Innovation sein wird. Weil es ums Überleben geht.
Längst fällig ist die Mobilitätswende, sagt Stephan Jansen. Denn egal, ob Elektroauto oder Verbrenner, im Stau stehen beide. Radfahren ist schneller und gesünder. © Christian Singer
aehre: Aber gerade Gesundheit gerät in den Debatten derzeit eher ins Hintertreffen.
Jansen: Weil wir Gesundheit zu eng denken. Gesundheit ist das, was alle Menschen brauchen und sich wünschen, sogar dann, wenn sie gegenteilige Ansichten haben.
aehre: Wie können derart riesige Projekte auf den Weg gebracht werden?
Jansen: Durch die eben skizzierten Reallabore und Bürgerrät:innen, aber auch durch staatliche Förderung. Ein Beispiel ist das DARPA-Programm des US-Verteidigungsministeriums.
aehre: Meinen Sie die Defense Advanced Research Project Agency?
Jansen: Genau, die DARPA wurde in den 1980er-Jahren unter der Prämisse der nationalen Sicherheit gestartet. Es war eine Reihe von visionären Forschungsprojekten, von denen 80 Prozent nichts geworden sind, aber die zehn erfolgreichen dominieren heute die Welt – das Internet, das Sprachassistenzsystem Siri oder Basistechnologien für Satellitensysteme. Nach 20 bis 30 Jahren Aufbauarbeit kommen kommerzielle Produkte wie jene von Elon Musk auf den Markt. Sein Starlink entscheidet heute Kriege. Alle Big-Tech-Unternehmen in den USA haben Wurzeln in staatlich finanzierten, wissenschaftlichen Großprojekten. Die wurden also mitnichten von privaten Unternehmen gestemmt.
aehre: Verteidigung und Gesundheit liegen weit auseinander.
Jansen: Nicht, wenn Gesundheit zu einer existenziellen Frage wird und sämtliche Bereiche der Gesellschaft betrifft. Vorsorge- und Versorgungssicherheit sind beide datenbasiert und liegen deshalb nicht so weit auseinander. Ein interessantes Projekt in dieser Hinsicht ist der "Chicago Health Atlas", eine Sammlung von 330 gesundheitsrelevanten Daten, basierend auf der Wohnadresse. Da geht es um Herkunft, Bildung, Emissionen, Erkrankungen und Nachbarschaft, in der du lebst. Damit lassen sich Voraussagen treffen. Deshalb ist es ein Ausgangspunkt für Veränderungen im Übermorgen.
aehre: Also wieder eine Dehnübung im Denken?
Jansen: Absolut. Mein Plädoyer: Lasst uns komplexer und vorsorgender auf Dinge schauen, die am Ende wirklich zählen, auf Dinge, die zu einer Überlebensfrage werden. Und lasst uns ein neues Verhältnis zwischen Individuum und Kollektiv finden, auch auf geopolitischer Ebene, denn vor allem die Fragen des Klimawandels lassen sich nur lösen, wenn
alle zu Mitstreitenden für den Planeten werden.
aehre: Was wünschen Sie sich dafür?
Jansen: Mehr kollektive Intelligenz für institutionelle Transformationsdesigns und mehr menschliche Intuition. Von vielen Dingen wissen wir,
dass sie ein Ablaufdatum haben, wollen es aber nicht wahrhaben.
Lebenswerte Städte, ein funktionierendes Gesundheitssystem und eine vernetzte Welt, in der man sich auf seine Privatsphäre verlassen kann,
sind doch ausgesprochen attraktiv: ein Erfolgskonzept, das der Globale Süden, China und wohl nun auch die USA eines Tages brauchen könnten.
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit finden Sie im nachhaltigen Businessmagazin aehre auf www.aehre.media und in der neuen Ausgabe, die am Kiosk oder auch online erhältlich ist.
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