Erst nahm die Welt Abschied von Dolly Parton, dann von Tim Curry. Nun folgt innerhalb weniger Tage eine dritte Todesmeldung, denn Yayoi Kusuma ist tot. Tatsächlich starb die japanische Ausnahmekünstlerin bereits am 14. August 2026 in einem Krankenhaus in Tokio. Öffentlich bekannt wurde ihr Tod jedoch erst jetzt, knapp zwei Wochen später. Sie wurde 97 Jahre alt.
Mit Kusama verliert die Kunstwelt eine ihrer größten und unverwechselbarsten Stimmen. Kaum eine andere Künstlerin hat Punkte, Netze und Spiegel so konsequent zu einer eigenen Bildsprache verdichtet. Ihre Werke konnten heiter und zugänglich erscheinen, mit leuchtenden Farben, gepunkteten Kürbissen und Räumen, die kein Ende zu kennen schienen. Doch unter dieser glänzenden Oberfläche der Kreativität lagen existenzielle Fragen, wie etwa wo der eigene Körper endet, was vom Ich bleibt und ob Kunst der Angst vor dem Verschwinden etwas entgegensetzen kann. Die Mittelung ihres Studios ist knapp. Kusama habe bis in ihre letzten Tage gemalt und den Pinsel nicht aus der Hand gelegt. Ein passender Schlusspunkt für ein Leben, in dem Kunst weniger Beruf als Überlebensform war.
Punkte, die weit mehr als ein Markenzeichen waren
Kusama wurde im März 1929 in Matsumoto in der japanischen Präfektur Nagano geboren. Bereits als Kind erlebte sie nach eigenen Schilderungen Halluzinationen. Muster hätten begonnen, sich auszubreiten und ihre Umgebung zu überziehen. Blumen hätten mit ihr gesprochen, Punkte und Netze den Raum erfasst. Sie zeichnete, um diese Erfahrungen festzuhalten – und um ihnen Form zu geben. Aus diesen Wahrnehmungen entstanden wiederum Motive, die ihr Werk über Jahrzehnte bestimmten. Der Punkt wurde später zu ihrem populärsten Erkennungszeichen, war für die Ausnahmekünstlerin allerdings kein dekoratives Element. In der endlosen Wiederholung sollte sich das einzelne Motiv ebenso auflösen wie das betrachtende Subjekt. Für diesen Vorgang verwendete sie den Begriff "Self-Obliteration", die Auslöschung oder Aufhebung des Selbst.
Eine Japanerin in der New Yorker Avantgarde
1957 ging Kusama in die USA, ein Jahr später ließ sie sich in New York nieder. Dort entstanden ihre "Infinity Net"-Gemälde. Dabei handelt es sich um großformatige Leinwände, die sie mit unzähligen, beinahe gleichförmigen Bögen überzog. In einer Kunstwelt, die vom Abstrakten Expressionismus und von männlichen Künstlern dominiert wurde, setzte sie auf obsessive Wiederholung statt auf die heroische Geste. Kusama arbeitete mit Malerei, Skulptur und Installation, organisierte Happenings und Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg, entwarf Mode und drehte Filme. Sie bewegte sich im Umfeld jener Künstler:innen, die später zu den bekanntesten Namen der Nachkriegsavantgarde zählen sollten. Anerkennung erhielt sie dennoch nur begrenzt. Als japanische Frau in einer von Männern geprägten Szene musste sie um Sichtbarkeit kämpfen – zugleich verstand sie früh, wie sich Kunst und Selbstinszenierung miteinander verbinden ließen.
Nach ihrer Rückkehr nach Japan 1973 schrieb Kusama auch Romane und Gedichte. Seit 1977 lebte sie freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Tokio und arbeitete in einem nahe gelegenen Atelier weiter. Dieser selbst gewählte Alltag zwischen Klinik und Studio dauerte fast ein halbes Jahrhundert. Ihn bloß als tragische Randnotiz zu erzählen, würde übersehen, wie produktiv und kontrolliert Kusama ihr Leben und Werk über diesen langen Zeitraum organisierte.
Der späte Weltruhm
Der internationale Durchbruch kam vergleichsweise spät. 1993 vertrat Kusama Japan bei der Biennale in Venedig. Große Retrospektiven, Museumsausstellungen und dauerhaft installierte Arbeiten machten sie in den folgenden Jahrzehnten einem immer breiteren Publikum bekannt. Ihre "Infinity Mirror Rooms", in denen Lichtpunkte und Spiegel scheinbar grenzenlose Räume erzeugen, wurden zu einem der prägendsten Ausstellungserlebnisse der Gegenwartskunst.
Mit dem Ruhm veränderte sich auch die Wahrnehmung ihres Werks. Kürbisse, Punkte und Spiegelräume wurden zu global wiedererkennbaren Motiven, ihre Ausstellungen zu Publikumsmagneten und ihre Zusammenarbeit mit Luxusmarken zum Teil einer umfassenden Vermarktung.
In sozialen Medien funktionierten die immersiven Räume besonders gut. Mitunter drohte die spektakuläre Oberfläche jene dunkleren und radikaleren Dimensionen zu überstrahlen, aus denen Kusamas Kunst entstanden war. Auch ihr öffentliches Bild blieb nicht frei von Widersprüchen. 2023 entschuldigte sich Kusama etwa für rassistische Formulierungen in älteren Texten.
Die Unendlichkeit bleibt
Kusamas Bedeutung liegt nicht allein in einem leicht wiedererkennbaren Formenrepertoire. Sie schuf Erfahrungsräume, in denen sich das Publikum nicht länger aus sicherer Distanz betrachten konnte. Wer ihre Spiegelräume betrat, wurde selbst zum Bestandteil des Werks – vervielfacht, verkleinert und für einen Moment in etwas Grenzenloses eingefügt.
Vielleicht erklärt gerade das die anhaltende Wirkung ihrer Kunst. Kusama gab Erfahrungen, die sich der Sprache entziehen, eine sichtbare Ordnung. Sie machte aus Wiederholung keine Monotonie, sondern Bewegung und aus Angst ein System sowie aus der Vorstellung des Verschwindens ein Bild von Unendlichkeit.
Nun ist die Künstlerin selbst verschwunden. Die Punkte aber breiten sich weiter aus.
www.yayoi-kusama.jp
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