Sinkende Rohölpreise bedeuten derzeit nicht automatisch eine entsprechende Entlastung für Autofahrer:innen. Obwohl sich die internationalen Ölnotierungen zuletzt auf knapp über 70 Euro je Barrel zurückgebildet haben, bleiben Benzin und Diesel vergleichsweise teuer. Nach Einschätzung der Bank Austria liegt die Ursache inzwischen weniger bei der Verfügbarkeit des Rohöls als bei dessen Weiterverarbeitung.
Eingeschränkte Raffineriekapazitäten
Während sich die Rohölexporte aus der Golfregion weitgehend stabilisiert hätten, seien die globalen Raffineriekapazitäten weiterhin eingeschränkt. Mehrere Anlagen im Nahen Osten arbeiten laut Analyse unter ihrer technischen Auslastung, gleichzeitig haben Ausfälle russischer Raffinerien das Angebot zusätzlich verknappt. Unter Berufung auf die Internationale Energieagentur hält die Analyse fest, dass derzeit bis zu zehn Prozent der weltweiten Raffineriekapazitäten eingeschränkt oder gar nicht verfügbar seien.
"Die Märkte signalisieren eine ausreichende Rohölverfügbarkeit, während die Verarbeitungskapazitäten hinter der Nachfrage zurückbleiben", sagt Chefökonom Stefan Bruckbauer. Dadurch blieben die Preise für raffinierte Produkte hoch, obwohl Rohöl bereits deutlich günstiger geworden sei.
Rohöl minus 20 Prozent, Treibstoff nur minus fünf Prozent
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Österreich. Anfang Mai hatte Rohöl noch rund 95 Euro je Barrel gekostet, mittlerweile sind es etwas mehr als 70 Euro. Damit beträgt der Rückgang mehr als 20 Prozent.
An den Tankstellen fiel die Entlastung erheblich kleiner aus. In der ersten Augusthälfte kostete Diesel durchschnittlich rund 2,01 Euro je Liter, Superbenzin 1,78 Euro. Werden Umsatzsteuer, Mineralölsteuer und CO₂-Bepreisung herausgerechnet, ergeben sich Nettopreise von rund 1,15 beziehungsweise 0,88 Euro je Liter. Gegenüber ihren Höchstständen von Ende März beziehungsweise Anfang April sind diese laut Analyse lediglich um rund fünf Prozent zurückgegangen.
"Auch in Österreich zeigt sich eine zunehmende Entkopplung zwischen Rohöl- und Treibstoffpreisen", erklärt Ökonom Walter Pudschedl. Auffällig sei zudem, dass die Treibstoffpreise den vorherigen Anstieg des Rohölpreises deutlich stärker nachvollzogen hätten als dessen anschließenden Rückgang. Zu Jahresbeginn lagen die Nettopreise laut Analyse bei Diesel zeitweise um nahezu 62 Prozent, bei Super um rund 44 Prozent niedriger als später im Jahr.
Raffineriemargen auf höchstem Niveau seit 2022
Erklärt wird die Diskrepanz mit den sogenannten Crack-Spreads. Diese messen vereinfacht die Differenz zwischen dem Wert raffinierter Produkte und dem Rohölpreis und gelten damit als Indikator für die Rentabilität von Raffinerien.
Nach Berechnungen der Bank befinden sich diese Margen derzeit auf dem höchsten Niveau seit der Energiekrise 2022. Die Grafik auf Seite drei der Analyse zeigt, dass sich der Crack-Spread seit Jahresbeginn stark ausgeweitet hat, während der Rohölpreis zuletzt wieder deutlich zurückging.
Hohe Raffineriemargen wirken damit gewissermaßen als Puffer zwischen Rohstoffmarkt und Zapfsäule: Sinkendes Rohöl kommt nur verzögert beziehungsweise abgeschwächt bei den Endverbraucherpreisen an. Entscheidend für Benzin und Diesel ist momentan somit nicht allein, wie viel Rohöl verfügbar ist, sondern auch, wie viel davon tatsächlich verarbeitet werden kann.
Treibstoffpreise treiben Inflation mit
Die Folgen reichen über die Tankrechnung hinaus. Obwohl Energie im österreichischen Verbraucherpreisindex lediglich mit rund 8,2 Prozent gewichtet ist, entfiel zwischen März und Juli laut Analyse durchschnittlich knapp ein Fünftel der gesamten Inflation auf Energieprodukte.
Bei einer durchschnittlichen Teuerungsrate von 3,2 Prozent steuerten sie mehr als 0,6 Prozentpunkte bei. Diesel allein war demnach für rund 13 Prozent der Inflation verantwortlich, Superbenzin für knapp sechs Prozent. Zusätzlich wirkten Erdgas und Heizöl preistreibend, während niedrigere Strompreise den Effekt teilweise abfederten.
Im Juli sank die Inflationsrate zwar vorläufig auf 2,7 Prozent und damit erstmals seit Beginn des Iran-Konflikts wieder unter drei Prozent. Energie verteuerte sich gegenüber dem Vorjahr jedoch weiterhin um 5,7 Prozent und gegenüber Juni sogar um 1,2 Prozent – obwohl Rohöl im Monatsdurchschnitt etwas günstiger geworden war.
Nach Berechnungen der Ökonomen hätten unveränderte Raffineriemargen im Juli Treibstoffpreise ermöglicht, die um rund zehn Cent je Liter niedriger gelegen wären. Die Inflation wäre dadurch um mehr als 0,2 Prozentpunkte geringer ausgefallen.
Auch staatliche Entlastung wurde zurückgefahren
Zusätzlich verstärkt wird der Effekt durch die schrittweise Reduktion der staatlichen Treibstoffentlastung. Anfang April war die Mineralölsteuer noch um fünf Cent je Liter gesenkt worden. Mittlerweile beträgt die Entlastung laut Analyse nur noch 0,8 Cent. Damit schlägt die Marktpreisentwicklung wieder stärker auf die Endpreise durch.
Für Haushalte bedeutet das nicht nur höhere Ausgaben beim Tanken. Über Transport-, Produktions- und Logistikkosten können anhaltend hohe Kraftstoffpreise auch auf andere Waren und Dienstleistungen durchschlagen und damit den allgemeinen Preisauftrieb verlängern.
Ökonomen erwarten weitere EZB-Zinserhöhung
Genau darin sehen die Autoren auch ein Problem für die Geldpolitik. Für Österreich erwartet die Bank 2026 weiterhin eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,2 Prozent, für den Euroraum werden 2,9 Prozent prognostiziert. Beide Werte lägen damit über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank.
Bruckbauer rechnet deshalb mit einer weiteren Zinserhöhung: "Wir rechnen daher weiterhin mit einer Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte bei der September-Sitzung." Sofern es zu keiner neuerlichen Eskalation an den Energie- und Rohstoffmärkten komme, könnte der Einlagensatz anschließend mit 2,50 Prozent seinen Höhepunkt erreichen.
Entwarnung geben die Ökonomen dennoch nicht. Neben den begrenzten Raffineriekapazitäten bleiben geopolitische Spannungen im Nahen Osten ein wesentliches Risiko. Eine erneute Eskalation rund um den Iran oder Störungen der Schifffahrt durch die Straße von Hormus könnten den Rohölpreis wieder nach oben treiben. Entscheidend für eine nachhaltige Entspannung bei den Kraftstoffpreisen dürfte laut Analyse aber vor allem sein, wie rasch die weltweiten Raffineriekapazitäten wieder vollständig verfügbar werden.
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