Wir müssen reden

expressis verbis von Raffaela Bartik

Wir müssen reden. Konnte man sich vor einigen Jahren noch recht kommod vor der Flut an Herzen, Blumen und Putten in den Schaufenstern unserer Städte verstecken, so scheinen es die sprichwörtlichen Spatzen mit jedem Jahr lauter von den Dächern zu schreien: es ist Valentinstag. Der Tag der Liebe, der Verliebten, der Romantik, vielleicht auch des Kitschs und – ja, natürlich – auch des Konsums. Und nach den Spatzen lassen auch die Unkenrufe nicht lange auf sich warten. Darum möchte ich heute gern darüber reden, wie das so ist mit dem Valentinstag, warum es ihn gibt, warum manche ihn lieben, mehr ihn hassen, viele ihn ignorieren, er manche nervt und andere stresst. Und vielleicht auch darüber, warum die rosarote Brille gute Sicht bietet und wir den Valentinstag vielleicht insgeheim dringend brauchen.

Hier sind wir heute also nun: Valentinstag, 14. Februar. Willkommen im Lala-Land der roten Rosen, küssenden Täubchen und zuckersüßen Pralinen: hat es der Kalender nicht längst getan, erinnert uns der Handel ganz bestimmt daran. Konsum und Kommerz, Kitsch-lass-nach: da werden nicht nur bei hartgesottenen Valentins-Grinches die Augen verdreht und schnell Argumente pro Abschaffung und contra Unterstützung des Valentinstags gefunden: Alles nur ein Marketing-Gag, wer braucht denn das, ich lass mir doch nicht vordiktieren wann ich meinem oder meiner Liebsten etwas zu schenken habe – wär ja noch schöner! Und überhaupt, wir lieben uns doch jeden Tag, es ist doch viel bedeutsamer wenn ich meine Herzdame oder meinen Herzensmann eben NICHT am Valentinstag beschenke,sondern irgendwann, wenn wirs gar nicht erwarten? Weil der Valentinstag schürt ja nur unnötig Erwartungen und da ist der Streit ja schon vorprogrammiert! Na danke, sicher nicht. Was für ein Stress! Da ist doch wirklich gar nichts mehr romantisch dran.

Was Geselchtes und Gurkerl mit Liebe zu tun haben

Aber denken Sie doch mal daran: Brauchten wir damals die fürsorgliche Erinnerung von Oma, uns warm anzuziehen und das Schnitzel auch ja aufzuessen damit wir "ja nicht vom Fleisch fallen"? Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir auch so überlebt hätten, ist den glücklichen Umständen entsprechend relativ hoch. Es ist jedoch die Geste, die zählt, und die Liebe die dahintersteckt. Was würde ich dafür geben dass meine verstorbene Oma mir beim Abschied zum Busserl wieder ein Stück Geselchtes und Pfeffergurkerl in die Hand drückt, weil ihre Enkelin auch als erwachsene berufstätige Frau ja doch "a bisserl zu sehr ein Strich in der Landschaft" ist. Leider habe ich meine Großmutter zuletzt viel zu selten gesehen, denn ich arbeite viel und hatte nie Zeit – blöd, wenn der Kalender einen zwar an alle beruflichen Meetings und Events erinnert, nicht aber daran, dass man ein bisschen "Liebe" einplant.

Illustration © Raffaela Bartik

"Irgendwann & Später"

Unsere Lieben werden schnell mal vertröstet weil der Terminkalender es einfach grad nicht hergibt. Irgendwann dann, wenns weniger stressig ist, kommen wir schon zusammen. Genau, so machen wirs. Bestimmt. Irgendwann dann, im Alltag, schauen wir vom Nebeneinander-her-leben auf und tun all die Dinge – aber am Valentinstag? Sicher nicht.

Der Valentinstag wurde eingeführt, um an den heiligen Valentin zu erinnern, der im Geheimen Liebende traute. Warum er das tat? Nun, der Staat hatte aus pragmatischen Gründen ein strenges Heiratsverbot verhängt, weil unverheiratete junge Männer viel unkomplizierteres Kanonenfutter abgeben. "Na oida" denkt man sich da doch, ist aber so. Valentin war die Weisung herzlich wurscht, er zeigte Vater Staat den nicht ganz so frommen Mittelfinger und verheiratete klammheimlich alle, die sich ewige Liebe schwören wollten: bis dass der Tod, oder zumindest das nächste Gefecht, sie scheidet. Großes Kino, nicht wahr? Der Mann stellte die Liebe über sein eigenes Leben, er wurde verfolgt, hingerichtet, heilig gesprochen – das Übliche. Und was hatte dieser bemerkenswerte Mann nun davon? Zu Lebzeiten wahrscheinlich ein gutes Gewissen, viel Stress und den ewigen Dank der Liebenden, im Tode neben dem Heiligenschein noch einen eigenen Tag, der nicht mal ein "echter" Feiertag ist und für den er mehr belächelt und – pardon – verarscht als gefeiert wird.

Und wir so? Wir für unseren Teil finden Ausreden, dass wir keine Zeit haben, der Tag uns nicht in den Kram passt und uns zu viel kostet. Ich plädiere für die aktive Ausübung des Valentinstags, weil ich ganz ehrlich glaube, dass wir, ohne einen Reminder im Kalender und einen fixen Termin vor unserer Nase, uns viel zu wenig Zeit für die Dinge und vor allem die Menschen nehmen, die uns am wichtigsten sind. Nicht weil wir uns die Zeit nicht nehmen wollen, sondern weil es uns niemand in den Kalender geschrieben hat.

"Liebe la Revolution!"

Darum rufe ich nun offiziell zur Valentins-Revolution auf. Streichen Sie sich den Tag rot im Kalender an und feiern Sie ihn, verdammt noch mal. Und zwar so, wie es Ihnen in den Kram passt: gehen Sie nach Möglichkeit früher aus der Arbeit, tun Sie sich selbst was gutes, überraschen Sie ihren Partner mit seinem Lieblingsgericht, vereinbaren Sie ein Date, schenken Sie ihrer Frau die überteuerten Blumen die am nächsten Tag verwelken und ihrem Mann die Zigarre, deren Rauch so stinkt und nie wieder aus den Polstermöbeln geht. Rufen Sie Ihre Mutter und Ihren Vater an oder teilen Sie sich mit ihrer Katze Sushi vorm Fernseher.

Tun Sie all das oder nichts davon, aber bitte, hören wir doch auf über den Valentinstag herzuziehen. Zumindest so lange, bis wir gelernt haben, unsere Versprechen zu halten und uns ohne Termin im Kalender gegenseitig etwas Gutes tun können. (Valentins-L)over and out.

Jenni_from_the_block
Loooooove it❤️

Kommentar schreiben

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV

Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie weitersurfen, gehen wir davon aus, dass Sie damit einverstanden sind.
Weitere Informationen.