Ein Stechen in der Brust, ein Laborbefund voller Fachbegriffe, die Frage nach Nebenwirkungen eines Medikaments. Wer darauf früher rasch eine Antwort wollte, blätterte im Gesundheitslexikon oder wartete auf einen Termin in der Ordination. Heute landen viele dieser Fragen in einem Chatfenster und werden mit einer Künstlichen Intelligenz (KI) diskutiert. Wie verbreitet diese Praktik in Österreich bereits ist, zeigt die aktuelle Gesundheitsstudie 2026 der Wiener Städtischen Versicherung, für die das Gallup Institut repräsentativ 1.000 Menschen zwischen 16 und 70 Jahren befragt hat (siehe Infobox). Demnach haben sechs von zehn Österreicher:innen (59 %) schon einmal eine KI genutzt, um sich über gesundheitliche Themen zu informieren, rund ein Drittel (34 %) sogar mehrfach.
Beruhigung auf Knopfdruck
Zum Einsatz kommt KI vor allem dann, wenn Beschwerden auftauchen. Zwei Drittel der Nutzer:innen (66 %) lassen Symptome prüfen, mehr als die Hälfte (55 %) lässt sich Befunde erklären und 39 Prozent informieren sich über Medikamente und deren Nebenwirkungen. Besonders intensiv greifen laut Studie Personen mit Pflichtschulabschluss darauf zurück, von denen 45 Prozent die KI bereits mehrfach befragt haben.
Die emotionale Bilanz nach einer solchen KI-Recherche fällt überwiegend positiv aus. Demnach fühlen sich 40 Prozent der Österreicher:innen im Anschluss beruhigt und 27 Prozent erleichtert. Verunsichern lassen sich hingegen nur 18 Prozent. Als hilfreich bei medizinischen Fragen stufen KI insgesamt 38 Prozent aller Befragten ein. Unter den 16- bis 35-Jährigen sind es gar 53 Prozent, bei den 56- bis 70-Jährigen dagegen nur 23 Prozent.
© Wiener Städtische Versicherung
Beim Vertrauen haben Ärzt:innen dennoch klar die Nase vorn. Für 82 Prozent sind ärztliche Auskünfte glaubwürdiger als jene einer KI, lediglich 13 Prozent vertrauen der Technologie mehr. Im Alltag verschwimmt diese Grenze allerdings. Bereits 31 Prozent der Nutzer:innen haben schon einmal auf einen Arztbesuch verzichtet oder den Rat der KI dem ärztlichen vorgezogen. Männer tun das deutlich häufiger (37 %) als Frauen (26 %), und 16- bis 35-Jährige (44 %) weit öfter als 56- bis 70-Jährige (15 %).
"KI wird für viele Menschen zunehmend zur ersten Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen. Umso wichtiger ist es, Informationen richtig einordnen zu können und KI als Ergänzung, nicht als Ersatz für medizinische Beratung zu verstehen", sagt Manuel Schalk, der seit Juli im Vorstand der Wiener Städtischen die Lebens- und Krankenversicherung verantwortet (LEADERSNET berichtete).
Gesund gefühlt, aber schlecht versorgt
Mit der eigenen Gesundheit sind die meisten Befragten zufrieden – mit dem System, das sie im Ernstfall versorgen soll, deutlich weniger. Rund sechs von zehn Österreicher:innen bezeichnen ihre körperliche (61 %) wie auch ihre mentale Verfassung (62 %) als gut oder sehr gut, wenngleich sich der körperliche Zustand im vergangenen Jahr bei 27 Prozent verschlechtert und nur bei 21 Prozent verbessert hat. Die Zufriedenheit mit dem öffentlichen Gesundheitssystem ist dagegen auf 47 Prozent gesunken, nach 49 Prozent im Jahr 2024 und 56 Prozent im Jahr 2022. Zudem sehen 44 Prozent die medizinische Versorgung im vergangenen Jahr verschlechtert, eine Verbesserung bemerkt nur rund jede:r Zehnte.
Woran es hakt, zeigt sich beim Zugang zu Kassenärzt:innen. In der Allgemeinmedizin gibt es aus Sicht von 55 Prozent zu wenige davon, bei den übrigen Fachrichtungen meinen das sogar 71 Prozent. Dasselbe Gefälle findet sich bei den Wartezeiten: Wer in die Allgemeinmedizin muss, bekommt in gut der Hälfte der Fälle binnen weniger Tage einen Kassentermin. Bei Fachärzt:innen warten dagegen 34 Prozent länger als zwei Monate.
Wie sich der Andrang in den Spitälern steuern ließe, war ebenfalls Thema der Befragung. Eine Gebühr für nicht dringende Besuche in Krankenhausambulanzen kann sich eine Mehrheit von 58 Prozent grundsätzlich vorstellen, allerdings in überschaubarer Höhe. Die meisten Befürworter:innen (41 %) halten einen Betrag zwischen elf und 20 Euro für angemessen, ein Drittel (33 %) plädiert für fünf bis zehn Euro. Mehr als 30 Euro würde nur rund jede:r Zehnte (11 %) verlangen. "Die Ergebnisse zeigen, dass ein Teil der Bevölkerung offen für neue Ansätze zur Steuerung von Patientenströmen ist", resümiert Schalk.
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Wo sich die Geschlechter unterscheiden
Dass Gesundheit nicht für alle gleich aussieht, nehmen die Befragten auch beim Geschlecht wahr. Fast neun von zehn (87 %) haben den Eindruck, dass sich manche Krankheitsbilder bei Frauen und Männern unterscheiden. Genannt werden dabei vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen (65 %), psychische Leiden (61 %) und Schmerzerkrankungen wie Migräne (58 %). Bei der Behandlung orten viele geschlechtsspezifische Unterschiede vor allem in der Schmerztherapie (56 %) und bei der Diagnose (51 %). "Frauen und Männer können bei bestimmten Erkrankungen unterschiedliche Symptome zeigen und damit auch andere Behandlungsmethoden benötigen. Dass diese Unterschiede stärker ins Bewusstsein rücken, ist ein wichtiger Schritt hin zu einer Gesundheitsversorgung, die individuelle Bedürfnisse stärker berücksichtigt", so Schalk.
Verhalten fällt das Urteil über die Aufklärung zu sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) aus. Nur 27 Prozent halten sie für ausreichend, unter Frauen sind es lediglich 23 Prozent, unter Männern 32 Prozent. Testen lassen hat sich bisher rund ein Drittel der Befragten (34 %), allerdings nur acht Prozent mehrfach.
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Lange Wartezeiten als Hauptargument für private Vorsorge
Die Kritik am Kassensystem prägt auch die Haltung zur privaten Absicherung. Mehr als die Hälfte (52 %) hält eine private Krankenversicherung für wichtig oder sehr wichtig, bei den 16- bis 35-Jährigen sind es 60 Prozent. Als Hauptgründe nennen die Befragten lange Wartezeiten auf Kassentermine (60 %), die knappe Zeit der Kassenärzt:innen für ihre Patient:innen (51 %) und Leistungseinschränkungen der gesetzlichen Krankenversicherung (47 %).
Unter jenen, die noch keine private Krankenversicherung haben, ist das Interesse an einem Abschluss im vergangenen Jahr bei einem Drittel gestiegen, bei den 16- bis 35-Jährigen sogar bei 41 Prozent. "Gerade bei Jüngeren sehen wir, dass Vorsorge und Prävention zunehmend früher mitgedacht werden. Private Gesundheitsvorsorge kann dabei zusätzliche Wahlmöglichkeiten schaffen und die öffentliche Versorgung sinnvoll ergänzen", kommentiert Schalk abschließend.
Die gesamten Studienergebnisse finden Sie hier.
www.wienerstaedtische.at
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