Die Stadt Wien hat beim 25. eGovernment-Wettbewerb in Berlin den ersten Platz in der Kategorie "Nachhaltiger Wandel durch Staatsmodernisierung und Verwaltungstransformation" erreicht. Ausgezeichnet wurde die "Kompetenzstelle gegen Cybergewalt an Frauen", die Gewaltschutzorganisation mit IT-Sicherheitsexpert:innen vernetzt.
Der von der Management- und Technologieberatung BearingPoint und dem Technologieunternehmen Cisco veranstaltete Wettbewerb richtet sich an Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Preisverleihung fand am 2. und 3. September 2026 im Rahmen des Ministerialkongresses in Berlin statt.
Gewaltschutz trifft auf technische Expertise
Die Kompetenzstelle besteht seit Herbst 2020. Anders als ihr Name vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um eine eigenständige Anlaufstelle, sondern um eine fallbezogene Zusammenarbeit mehrerer Einrichtungen. Beteiligt sind der 24-Stunden Frauennotruf der Stadt Wien, der Verein Wiener Frauenhäuser und IT-Sicherheitsexpert:innen des WienCERT von Wien Digital. Betroffene Frauen wenden sich zunächst an eine der bestehenden Beratungseinrichtungen. Dort werden die Gesamtsituation, die Gewaltvorgeschichte und eine mögliche Gefährdung geklärt. Bei konkreten technischen Fragestellungen können Berater:innen anschließend WienCERT einbeziehen.
Das Angebot richtet sich unter anderem an Frauen, die von Cyberstalking, digitaler Überwachung oder dem Missbrauch persönlicher Daten betroffen sind. Mögliche Fragestellungen betreffen etwa die Sicherung digitaler Beweismittel, verdächtige Standortfreigaben, kompromittierte Geräte oder unter falschem Namen veröffentlichte Inhalte.
"Cybergewalt passiert oft im Verborgenen und ist für Betroffene häufig schwer nachweisbar. Die Stadt Wien verfolgt konsequent das Ziel, Frauen nicht nur psychosoziale Beratung, sondern auch spezialisierte technische Unterstützung zur Seite zu stellen. Die Auszeichnung ist eine Anerkennung für alle Beteiligten, die täglich daran arbeiten, Frauen vor digitaler Gewalt zu schützen. Wien ist eine Stadt der Mädchen und Frauen", sagt Frauenstadträtin Elke Hanel-Torsch.
Direkte technische Untersuchungen bleiben Ausnahme
Viele technische Fragen können nach Angaben der Stadt bereits im Rahmen der psychosozialen Beratung oder im Austausch zwischen den Berater:innen und WienCERT geklärt werden. Eine unmittelbare Einbindung der IT-Sicherheitsexpert:innen ist demnach vergleichsweise selten notwendig.
In einzelnen Fällen findet eine gemeinsame Video- und Telefonberatung statt. Sind weitere Schritte erforderlich, können Geräte auch direkt vor Ort von Expert:innen von Wien Digital untersucht werden. Voraussetzung dafür sind die ausdrückliche Zustimmung der betroffenen Frau und eine klar eingegrenzte Fragestellung. Eine umfassende forensische und damit gerichtlich verwertbare Beweissicherung gehört jedoch nicht zu den Aufgaben der Kompetenzstelle. Diese fällt in den Zuständigkeitsbereich der Polizei und setzt eine Anzeige voraus.
Angebote wurden 2023 erweitert
Neben der konkreten Fallarbeit umfasst das Projekt Schulungen, einen Beratungsleitfaden und einen laufenden Austausch zwischen den beteiligten Organisationen. Seit 2023 steht das Angebot außerdem externer Gewaltschutzorganisationen offen, die vom Wiener Frauenservice gefördert werden. Der 24-Stunden Frauennotruf koordiniert in diesen Fällen die Zusammenarbeit mit WienCERT. Die gemeinsame Projektleitung liegt beim 24-Stunden Frauennotruf und der für Prozessmanagement und IKT-Strategie zuständigen Gruppe der Magistratsdirektion. Urban Innovation Vienna unterstützt die organisatorische Koordination.
"Diese Auszeichnung bestätigt den Wiener Weg, Digitalisierung konsequent im Dienst der Menschen einzusetzen. Mit der Kompetenzstelle gegen Cybergewalt an Frauen haben wir eine österreichweit einzigartige Kooperation geschaffen, die Opferschutz und IT-Expertise verbindet und Betroffene rasch und unbürokratisch unterstützt", sagt Vizebürgermeisterin und Digitalisierungsstadträtin Barbara Novak.
Fall Collien Fernandes rückte digitale Gewalt in den Fokus
Wie weitreichend digitale Gewalt sein kann, zeigte zuletzt der öffentlich diskutierte Fall der deutschen Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes. Ihr Ex-Mann Christian Ulmen habe Fakeprofile sowie manipulierte pornografische Darstellungen von ihr erstellt und verbreitet. Ulmen bestreitet die Vorwürfe. Eine gerichtliche Klärung steht aus. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Der Fall löste eine breite Debatte über sexualisierte digitale Gewalt, Deepfakes und bestehende Schutzlücken aus. Mehr als 250 Frauen aus Politik, Kultur und Gesellschaft forderten daraufhin unter anderem wirksamere Gesetze und stärkere Rechte für Betroffene. Die Diskussion verdeutlicht zugleich die Bedeutung spezialisierter Schutz- und Beratungsangebote, die psychosoziale Unterstützung mit technischem Fachwissen verbinden.
www.wien.gv.at
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