Gastkommentar
Lang lebe das strukturierte Chaos

| Redaktion 
| 28.01.2024

Gastkommentar von Ralf-Wolfgang Lothert, Mitglied der Geschäftsleitung und Director Corporate Affairs & Communication von JTI Austria.

Algorithmen sind manchmal schon etwas Interessantes. Betrifft Sie das auch, geneigte Leser:innen, dass Sie in Ihren sozialen Medien-Kanälen Tipps und Tricks ausgespielt bekommen, wie man sich gut organisiert? Aber nicht nur dort, auch in Magazinen, Zeitungen und Fernsehsendungen bekommen wir Hinweise, wo man Struktur reinbringen sollte und wie das am besten klappt. Das beginnt beim aufgeräumten Kleiderschrank, über die Küche, die ganze Wohnung/das Haus und geht bis hin zu den Kindern und natürlich dem eigenen Leben – privat wie beruflich.

Ordnung, Symmetrie, Struktur und Sauberkeit

Und ich muss gestehen, ich bin ja (was Sie nicht wundern wird) ein großer Anhänger dieser Bewegung. Ich würde mich sogar als "Monk" bezeichnen, also einen Menschen, der ein starkes Bedürfnis nach Ordnung, Symmetrie und Struktur verspürt. Als ebenso wichtig empfinde ich den Punkt Sauberkeit. Dazu gehört ein aufgeräumter Schreibtisch, der für mich das Um und Auf für effizientes Arbeiten ist. Nebenbei bemerkt kann der Schreibtisch auch nur dann richtig sauber gemacht werden, wenn er aufgeräumt ist. Ja, so ist das bei mir.

Woher kommt aber nun dieser Trend, den Menschen ständig Anleitungen für das Organisieren des eigenen Bereichs mitgeben zu wollen? Nun ja, naheliegend ist: je mehr Chaos in einer Gesellschaft herrscht, umso mehr wächst der Wunsch, in Bereichen, in denen man es in der Hand hat, Sicherheit und Struktur zu schaffen. Das betrifft nicht nur das Arbeitsumfeld, das selbstverständlich auch das Home-Office inkludiert, sondern auch die Vielfalt an (teilweise neuen) Medien, die eine immer besser strukturierte Arbeitsweise erfordert.

"Kraut und Rüben"

Überzeugte Chaostheoretiker:innen werden nun sagen: "Das schränkt meine Kreativität ein", und für den einen oder die andere mag das vielleicht zutreffen, im Regelfall kann Struktur den kreativen Prozess aber sogar unterstützen. Ist damit das strukturierte Chaos tot? Wohl kaum. Ich glaube durchaus, dass es in bestimmten Situationen absolut Sinn macht, scheinbar chaotisch den Gedanken freien Lauf zu lassen. Das klassische "out of the box"-Denken funktioniert eigentlich nur so. Aber eben auch nur, wenn bestimmte Grundregeln eingehalten werden und man sich an gewissen Grundstrukturen orientiert. Nicht umsonst setzt man beim assoziativen Brainstorming genau auf dieses Konzept, bei dem man die vielzitierten "Kraut und Rüben" gerne vermischen kann, weil sie nachher wieder geordnet und so zu völlig neuen Lösungen zusammengesetzt werden.

Warum bin ich aber ein gar so ein starker Verfechter von Struktur? Weil ich es genau so sehe wie der Navy-Admiral William H. McRaven, dessen Aufzeichnung einer seiner eindrücklichen Ansprachen heute noch – zehn Jahre, nachdem sie gehalten wurde – in den sozialen Medien die Runde macht. Er sagte (und schrieb sogar ein Buch darüber): "If you can't do the little things right, you will never do the big things right. And, if by chance you have a miserable day, you will come home to a bed that is made — that you made — and a made bed gives you encouragement that tomorrow will be better. If you want to change the world, start off by making your bed." Wie so oft sagt uns das also, es reicht auch, erst mal klein anzufangen.

Schütteln wir die Kissen auf und los geht's

Struktur ist auch deshalb so wichtig, weil durch sie die Schritte, die zu einem Erfolg führen, replizierbar sind und andersherum, wenn etwas schief geht, lassen sich die Ansatzpunkte leichter finden, an denen Verbesserungen vorgenommen werden sollten. Für Unternehmen, die nach vorne schauen und ihre Strategien für die Zukunft entwickeln ist dies oftmals einem Schachspiel ähnlich – heißt, man muss mindestens zwei Züge vorausdenken können und auch Alternativen mit bedenken. Dafür braucht es Struktur und ein organisiertes Umfeld, in dem dies möglich ist.

JTI Austria ist nicht 240 Jahre alt geworden, indem die agierenden Personen chaotisch und ohne Struktur und Plan von einem Tag in den nächsten gestolpert sind. Auch wenn in Österreich, besonders in Wien, gerne nach der Mentalität "Schau'n wir mal, dann seh'n wir's eh" gelebt wird – auf Dauer braucht es mehr als das. In diesem Sinne: Schütteln wir die Kissen und Decken auf und los geht's!

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