"Es gibt keine ertragreicheren Investments als in erfolgreiche Start-ups zu investieren"

| Tobias Seifried 
| 17.01.2023

Im LEADERSNET-Interview spricht Christian Hoenig, Venture Capital Experte und Partner bei Wolf Theiss, u.a. über persönliche Strategien bei Investments, Trends am Biotech-Markt und welches heimische Start-up gute Chancen auf einen "Einhorn"-Status hat. Zudem gibt er einen Ausblick auf das Finanzjahr 2023 sowie Tipps für den Private Equity-Einstieg.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Hoenig, Sie gelten als anerkannter Finanzexperte mit mehr als 20 Jahren Erfahrung in Finanzierungsrunden. Aufgrund der multiplen Krisen und deren (noch nicht final abschätzbaren) Auswirkungen auf die Wirtschaftsbranche herrscht aktuell große Verunsicherung. Welche Strategie verfolgen Sie persönlich bei Investments/Beteiligungen?

Christian Hoenig: Ich schaue mir die Start-ups, in die ich überlege zu investieren noch genauer an und ich bin auch bei den Konditionen, auf die ich Wert lege, tendenziell etwas härter geworden. Konkret heißt das, dass ich noch genauer auf das Geschäftsmodell, die (mögliche) Konkurrenz und die Qualität des Teams bzw. das Commitment der Gründer:innen achte. Und, dass ich, vielleicht von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf eine Liquidationspräferenz, einen Verwässerungsschutz und in kritischen Fällen sogar auf eine explizite Verpflichtung der Gründer:innen, eine bestimmte Zeit full-time für das Unternehmen zu arbeiten, bestehe.

LEADERSNET: Was raten Sie Private Equity-Neueinsteiger:innen? Worauf muss man bei Beteiligungen an nicht börsennotierten Unternehmen achten und wie kann man diese am einfachsten ausüben?

Hoenig: Am wichtigsten ist meines Erachtens, dass man gemeinsam mit einer Gruppe investiert, die in diesem Bereich bereits Erfahrungen hat und dass darunter auch Leute sind, die die Industrie und den Markt kennen, in dem das Unternehmen tätig ist. Ich würde auch darauf achten, dass Business Plan und Beteiligungsverträge von je einem fachkundigen Investor:in oder Berater:in überprüft werden und dass zumindest eine gewisse Due Diligence durchgeführt wird. Außerdem muss man unbedingt darauf achten, dass so viel neues Geld ins Unternehmen kommt, dass damit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit ein nächster Milestone erreicht werden kann, der dem Unternehmen dann wieder die realistische Möglichkeit gibt, eine neue Kapitalrunde, idealerweise zu einer höheren Bewertung, durchzuführen.

LEADERSNET: Ist es empfehlenswert, hier zunächst auf spezialisierte Kapitalbeteiligungsgesellschaften zu setzen?

Hoenig: Das ist sicher eine Option. Man erspart sich damit viel eigene Arbeit. Dass die Beteiligungsgesellschaft die Arbeit macht und dafür bezahlt werden muss, muss einem aber auch klar sein. Man gibt also einen Teil der möglichen Rendite ab. Und man kann so natürlich besser streuen. Denn bei einer Beteiligung an zwei, drei oder vielleicht sogar vier Fonds, wo jeder Fonds selbst wieder in eine Handvoll Start-ups investiert, streut man das Risiko erheblich. Auch kann man so in verschiedene Risikoklassen investieren, also beispielsweise in einen Fonds der sich bereits in der Frühphase an Start-ups beteiligt und in einen, dessen Fokus auf B und C Runden liegt.

LEADERSNET: Zuletzt gab es unter anderem "dank" der Corona-Pandemie einen Hype um den Biotech-Markt. Wie hat sich dieser für Investor:innen 2022 entwickelt?

Hoenig: Die Kurse der börsennotierten Unternehmen, die Corona-Impfstoffe auf den Markt gebracht haben, sind nach starken Steigerungen alle wieder deutlich gefallen. So stand BioNTech im November 2021 auf 325 Euro und ist im Jänner 2023 auf rund 140 Euro gefallen. Beim US Konkurrenten Moderna war die Entwicklung ähnlich. Von einem Höchststand im September 2021 von über 370 Euro fiel die Aktie auf rund 175 Euro im Jänner 2023. Das sind Einbrüche von jeweils mehr als 50 Prozent. Noch viel schlimmer sieht es bei Valneva aus, des meines Wissens nach ersten Unternehmens, das einen Corona Totimpfstoff auf den Markt gebracht hat. Dessen Aktien haben im Dezember 2021 ein Hoch von 25 Euro verzeichnet und liegen jetzt bei nur mehr rund sechs Euro.

Wie es mit BioNTech und Moderna weitergehen wird, hängt stark davon ab, ob die erstmals bei Corona Impfstoffen eingesetzte mRNA Technik in der Zukunft auch im Zusammenhang mit anderen Krankheiten erfolgreich sein wird. Und natürlich davon, wie sich die Datenlage zu Impfschäden durch mRNA Impfstoffe entwickeln wird. Dass es solche gibt, wird ja mittlerweile von niemandem mehr ernsthaft bestritten. Anders sieht es bei Biotech Unternehmen im allgemeinen aus, also solchen, die breiter aufgestellt sind, etwa die beiden US Größen Biogen und Amgen. Die Biogenaktie war in den letzten 5 Jahren recht stabil; sie verlor in diesem Zeitraum rund fünf Prozent. Den Absturz der Techaktien hat sie gar nicht mitgemacht; auf Jahresfrist liegt sie rund 22 Prozent im Plus. Auch Amgen ist im letzten Jahr gestiegen, und zwar um rund 25 Prozent.

Mein Fazit: Bei Unternehmen, die mRNA Corona Impfstoffe entwickelt haben, musste man 2021 den richtigen Zeitpunkt zum Absprung finden; langfristig ist alles offen. Bei Biotech Unternehmen generell – nimmt man Amgen und Biogen als Maßstab – ist die Entwicklung in den letzten Jahren stabil bis gut, im abgelaufenen Jahr sogar hervorragend.

LEADERSNET: Welche Biotech-Investments sollte man 2023 Ihrer Meinung nach in die engere Wahl nehmen?

Hoenig: Das kommt ganz darauf an. Wenn man breit in dem Markt investieren möchte, kann man in Fonds, Einzeltitel wie die genannten und punktuell auch in Start-ups investieren. Bei gelisteten Unternehmen ist das Gewinnpotential natürlich gegenüber Start-ups sehr beschränkt. Man kann da – wenn es sehr gut läuft – mit einem gemischten Portfolio vielleicht 15-20 Prozent pro Jahr machen. Vergleicht man das mit Start-ups, in die man früh einsteigt, ist das wenig, denn bei letzteren kann ein Investment schon mal in wenigen Jahren einen Return in Höhe eines Faktors 25 bringen (also 2.500,00 Prozent). Natürlich gibt es hier auch ein sehr hohes Risiko eines Komplettverlusts.

Ich sehe mir beispielweise momentan ein Schweizer Start-up im Bereich Diagnostik (also nicht gehörend zum Segment Biotech aber zum breiteren Segment Life Sciences) an, das an ein Gerät entwickelt, mit dem sich Antikörper und Antigene, die sich im Blut bilden, wenn ein Patient ein bestimmtes Pathogen in sich trägt oder einem bestimmten Gift ausgesetzt war, so genau wie mit dem herkömmlichen ELISA Test detektieren lassen, dies aber nicht einige Stunden dauern soll, sondern nur ein paar Minuten. Die Bewertung vor der ersten Finanzierungsrunde wird wahrscheinlich unter 5 Millionen Franken liegen. Funktioniert das alles so, wie es sich die Gründer vorstellen, kann das Unternehmen in ein paar Jahren 100 oder 200 Millionen wert sein. Ein Blick auf die unterschiedliche Größenordnung der Bewertungen ist hier instruktiv. So ist Biogen mit rund 40 Milliarden US Dollar bewertet, Moderna sogar trotz massiven Rückgangs mit über 70 Milliarden.

LEADERSNET: In Österreich gibt es (bisher) nur wenige "Einhörner". Die Zytoprotec ist ein österreichischen Start-up, das die Dialyse-Behandlung revolutionieren möchte. Welche Erfolgschancen geben Sie dem Jungunternehmen? Kann ein Wiener Forscherteam hier am globalen Life-Science Markt bestehen?

Hoenig: Ja, Österreich hinkt bei den "Einhörnern" deutlich hinter anderen Ländern nach. Meines Erachten ist auch zu unterscheiden, ob es bei den entsprechenden Unternehmen bereits einen echten Exit gegeben hat, es also komplett oder wenigstens mehrheitlich verkauft wurde, und sich dadurch die Milliardenbewertung gezeigt bzw. besser gesagt realisiert hat, oder die Bewertung "nur" auf Kapitalrunden beruht, also auf Bewertungen, bei denen die Investor:innen (hauptsächlich) Geld ins Unternehmen investieren und nicht die bestehenden Gesellschafter:innen auskaufen. Im ersten Fall ist der Wert insofern realer, weil man als Investor:innen wirklich Geld verdient hat. Im zweiten Fall ist es vorläufig "nur" ein Papiergewinn.

Zytoprotec ist eines der wenigen europäischen Biotech Start-ups, dessen Lead Product eine erfolgreiche Phase 2 Studie absolviert hat. Bei der jetzt noch vor der Beantragung der Marktzulassung zu absolvierenden Phase 3 Studie liegt die Erfolgswahrscheinlichkeit statistisch gesehen grob bei 50:50. Das Risiko ist also im Verhältnis zum möglichen Gewinn nicht mehr besonders hoch. Außerdem ist Zytoprotec in einem global bereits über viele Jahre stark wachsenden Markt tätig, in dem es seit rund 20 Jahren keinerlei Innovationen gegeben hat, ein großer "medical need" besteht, weil die besten am Markt befindlichen Produkte erhebliche, sehr oft über die Jahre tödliche Nebenwirkungen haben und, das halt ich für das Wichtigste, es, so weit zu sehen ist, weltweit kein anderes Unternehmen gibt, das an einer ähnlich revolutionären Produktverbesserung im Bereich Peritoneal-Dialyse arbeitet. Ich denke, dass Zytoprotec durchaus eine sehr gute Chance hat in drei bis vier Jahren ein "Einhorn" zu werden; und zwar, wenn es funktioniert, eines das auch um eine Milliarde oder mehr verkauft werden kann, weil die großen Anbieter im Markt selbst keine Innovationen in Vorbereitung haben und daher Kaufangebote nach einer erfolgreichen Phase 3 Studie sehr realistisch erscheinen.

LEADERSNET: Welche drei zentralen Merkmale werden Ihrer Meinung nach, die Finanzbranche im Jahr 2023 dominieren?

Hoenig: Hohe Unsicherheit bei börsennotierten Unternehmen, weil dort der Einfluss makroökonomischer Faktoren, wie Zinshöhe und Konjunktur, sowie geopolitischer Risiken eine große Rolle spielen. Bei Start-ups werden Investor:innen (weiterhin) mehr auf baldige Profitabilität oder, wo es um Technologieentwicklungen geht, realistische Exit-Möglichkeiten achten.

LEADERSNET: Glauben Sie, dass das kommende Jahr für Start-ups eher ein gutes, oder eher ein schwieriges wird?

Hoenig: Generell werden wir meines Erachten eine höhere Selektivität der Investor:innen sehen. Auch "Mondbewertungen" werden nicht mehr bezahlt werden. Start-ups mit guten Ideen und Produkten werden aber genügend Finanzierungsmöglichkeiten haben, weil Investor:innen nach der starken Zurückhaltung 2022 wieder mehr Geld in Start-ups investieren werden. Es gibt einfach – mit viel Abstand – keine ertragreicheren Investments als in erfolgreiche Start-ups zu investieren.

www.wolftheiss.com/christian-hoenig

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