Ein Sessel für Kinder muss mehr leisten, als klein zu sein. Seine Proportionen, seine Konstruktion und sein Material bestimmen mit, wie sich die jungen Nutzer:innen im Alltag bewegen und ihre Umgebung erschließen können. Diese Verbindung von Gestaltung und Gebrauch beschäftigte schon Margarete Schütte-Lihotzky auch beim Kinderhaus St. Pölten, für das sie 1953 Architektur und Einrichtung aufeinander abstimmte. Das Möbelmuseum Wien widmet dem Projekt nun eine Galeriepräsentation im Rahmen der Vienna Design Week, die bis 4. Oktober stattfindet.
Im Mittelpunkt steht ein Interieur, das heute nicht mehr erhalten ist. Ein maßstabgetreues Modell und ein nachgefertigter Kinderarmsessel machen Schütte-Lihotzkys Entwurfsgedanken wieder nachvollziehbar. Ergänzt werden sie durch aktuelle Kindermöbel aus Österreich. Kuratiert wurde die Präsentation von Eva B. Ottillinger, Kuratorin und stellvertretende Leiterin der Abteilung Historische Sammlungen im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus, und Christine Schwaiger, Gastkuratorin und Professorin an der New Design University St. Pölten.
Eine Villa wird zum gemeinsamen Lebensraum
Der Auftrag führte Schütte-Lihotzky in eine ehemalige Direktorenvilla der Ersten Österreichischen Glanzstoff-Fabrik AG. Dort entstanden laut Museum eine Kinderkrippe, ein Kindergarten und ein Hort für Schulkinder. Räume zum Spielen und Lernen sollten ebenso Platz finden wie Bereiche zum Essen und Ruhen. Die Umgestaltung verlangte damit ein Konzept, das unterschiedliche Altersgruppen und Alltagssituationen unter einem Dach zusammenführte.
"Die Gestaltung von Räumen für Kinder zieht sich über Jahrzehnte durch Margarete Schütte-Lihotzkys Werk. Das Kinderhaus St. Pölten zeigt exemplarisch, wie sie ihre Erfahrungen auf eine konkrete Bauaufgabe der Nachkriegszeit übertrug und Architektur und Einrichtung als Gesamtkonzept entwickelte", sagt Eva B. Ottillinger.
Wie konkret sich dieser Anspruch in einzelne Gegenstände niederschlug, zeigte der "Armsessel für Gruppen und Krippe", für den die Architektin auf einen Kinderstuhl zurückgriff, den sie bereits 1935/36 in Moskau in vier Sitzhöhen entworfen hatte. Für St. Pölten wählte sie eine Sitzhöhe von 29 Zentimetern. Buche und Gurtengeflecht prägten die Ausführung. Der Sessel erschließt damit einen größeren Zusammenhang. Möbel und Räume wurden gemeinsam für den Alltag der Kinder geplant, ihre Nutzung bildete den Ausgangspunkt der Gestaltung.
Pläne und Modelle erschließen das verlorene Interieur
Dass dieses Konzept heute wieder betrachtet werden kann, ist auch das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit Schütte-Lihotzkys Nachlass. Die begleitende, von Schwaiger herausgegebene Publikation "Margarete Schütte-Lihotzky – Kinderhaus St. Pölten" rekonstruiert die Innenarchitektur anhand detaillierter Pläne. Historische Fotografien ergänzen den Blick auf die Einrichtung und das Leben im Kinderhaus.
"Zum Bauen für Kinder, einem im Werk von Margarete Schütte-Lihotzky wichtigen Teil, ist bisher wenig veröffentlicht. Die Publikation 'Kinderhaus St. Pölten' beschäftigt sich mit der Analyse und historischen Kontextualisierung eines kaum bekannten Projekts der Architektin. Durch ein maßstabsgetreues analoges Modell der gesamten Möblierung und einen 1:1 nachgefertigten Kindersessel werden ihre Entwurfsgedanken wieder sichtbar", erklärt Schwaiger. Die Präsentation bietet somit eine Annäherung an ein verlorenes Ensemble. Modell und Nachbau übersetzen die überlieferten Entwürfe in anschauliche Objekte und machen Größenverhältnisse und Zusammenhänge in der Einrichtung erfahrbar.
Klaus Panholzer, CEO und Geschäftsführer der Schönbrunn Group, zu deren Standorten das Möbelmuseum Wien gehört, beschreibt die Verbindung zur Gegenwart so: "Margarete Schütte-Lihotzky hat Architektur und Gestaltung konsequent von den Menschen aus gedacht, die die Räume und Möbel nutzen. Das Kinderhaus St. Pölten ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Im Möbelmuseum Wien zeigen wir österreichische Designgeschichte in ihrer ganzen Vielfalt und setzen historische Entwürfe immer wieder in Beziehung zu aktuellen Positionen. So wird sichtbar, wie lebendig und relevant Designgeschichte für zeitgenössisches Schaffen ist."
Zeitgenössische Sessel führen die Gestaltungsfrage weiter
Wie sich Möbel an Körpergröße, Bewegungsfreiheit und den Umgang von Kindern mit Gegenständen anpassen lassen, zeigen die zeitgenössischen Positionen der Galeriepräsentation. Zu sehen sind der Kinderstuhl und Armsessel "Anuk" von Höllrigl + Lustig, der Kinderstuhl "Suna" von March Gut sowie "OKKO" von EOOS. Das Designkonzept der Serie "Anuk" wurde 2020 mit einem Red Dot Award in der Kategorie Design Concept ausgezeichnet. Runde Formen und ergänzbare Elemente verbinden das Sitzen mit spielerischer Veränderung. "Suna" besitzt eine Kufenkonstruktion und ist stapelbar. Seine schmale Rückenlehne erleichtert laut Hersteller Trewit das Tragen und Umstellen. Bei "OKKO" wurde die übliche Entwicklung vom Erwachsenen- zum Kindermöbel umgekehrt. EOOS entwarf zunächst einen Stuhl für Kinder, der anschließend für Erwachsene angepasst wurde. Der Tiroler Hersteller Hussl fertigt ihn in drei Sitzhöhen von 24, 35 und 46 Zentimetern.
Für Gabriel Roland, Direktor der Vienna Design Week, steht die Zusammenarbeit mit dem Museum zugleich für die Verbindung zwischen Designgeschichte und aktuellem Schaffen: "Dass das Möbelmuseum Wien immer wieder so schöne Themen wie das Gestalten für Kinder aufgreift, zeigt wie wichtig die Brücke zwischen historischen und zeitgenössischen Designpositionen ist. Ohne treue Partner:innen – und das Möbelmuseum Wien ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür – wäre das Jubiläum der Vienna Design Week nicht halb so freudig."
Die Nachkriegszeit bildet den weiteren Rahmen
Die Galeriepräsentation knüpft an die Sonderausstellung "Made in Austria. Möbeldesign 1948–1960" an (LEADERSNET berichtete). Damit wird das Kinderhaus in jene Jahre eingeordnet, in denen nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs auch die Gestaltung von Wohn- und Alltagsräumen neu verhandelt wurde. Die Umnutzung eines bestehenden Gebäudes verbindet das historische Projekt zudem mit dem heutigen Interesse an Wiederverwendung.
"Mit dem Kinderhaus St. Pölten rücken wir ein besonderes Beispiel für Margarete Schütte-Lihotzkys nutzerorientierte Gestaltung in den Mittelpunkt. Die Rekonstruktionen und ein Modell machen das Interieur wieder anschaulich und schlagen zugleich eine Brücke zu aktuellen Entwürfen. Die Umgestaltung der ehemaligen Direktorenvilla in ein Kinderhaus fügt sich zugleich hervorragend in unseren Jahresschwerpunkt 'Upcycling Design' ein", sagt Petra Reiner, Leiterin des Möbelmuseums Wien.
Die Präsentation ist nach Angaben des Museums vom 25. September bis 8. Dezember 2026 zu sehen. Zur Eröffnung wurde am 30. September im Rahmen der Vienna Design Week geladen, die noch bis 4. Oktober läuft. Auch "Made in Austria. Möbeldesign 1948–1960" ist bis 8. Dezember geöffnet.
Einen Eindruck vom Projekt können Sie mittels Galerie gewinnen.
www.moebelmuseumwien.at
www.schoenbrunn-group.com
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