Wie können Unternehmen ihre digitale Zukunft selbstbestimmt gestalten, welche Abhängigkeiten schaffen Technologien, Plattformen und Anbieter und wie viel Souveränität ist in der Praxis überhaupt möglich? Diesen Fragen widmete sich das jüngste Business Breakfast von MP2 IT-Solutions, das am Donnerstag, dem 24. September, in der MP2 Innovation Lounge über die Bühne ging. Unter der Moderation von Kasia Greco diskutierten Expert:innen aus Politik, Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Technologie über den Dächern von Wien zum Thema "Digitale Souveränität".
Mehr als Datenschutz und IT-Sicherheit
Einig war man sich, dass digitale Souveränität zunehmend zur strategischen Managementaufgabe wird und weit über Datenschutz und IT-Sicherheit hinausgeht. Im Kern geht es darum, die Kontrolle über Daten, Technologien und digitale Prozesse zu behalten und eingesetzte Lösungen bewusst auszuwählen. Damit verbunden sind Fragen nach Abhängigkeiten, Resilienz, Rechtssicherheit, Kompetenzen und organisatorischen Rahmenbedingungen.
Die strategische Perspektive brachte Georg Krause ein, Vorstandsvorsitzender der msg Plaut AG sowie Digitalisierungsexperte und Buchautor zum Thema Digitaler Humanismus: "Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung dafür, dass wir Technologie tatsächlich am Menschen und an unseren europäischen Werten ausrichten können. Diesen Kraftakt für Europa werden wir nicht mit einem Alles-oder-nichts-Ansatz bewältigen, sondern nur in klaren, wirtschaftlich tragfähigen Stufen – von offenen Standards bis zur Vendor-Resilienz. Das Business-Breakfast bot die Chance, diese Perspektiven mit Politik, Verwaltung und Wirtschaft zusammenzubringen und daraus konkrete nächste Schritte abzuleiten."
Gemeinsame Standards und strategische Beschaffung
Peter Reichstädter, CIO und Abteilungsleiter IKT-Strategie in der Parlamentsdirektion sowie Leiter der Special Interest Group Sovereignty im Verband Österreichischer Software Innovationen (VÖSI), beleuchtete die Voraussetzungen für digitale Unabhängigkeit und stellte ein vom VÖSI entwickeltes Framework vor: "Digitale Souveränität betrifft Menschen, Organisationen, Prozesse, Strategien, Kompetenzen und Risikobewertungen. Sie ist kein reines Technikthema, sondern ein zentraler Vertrauens- und Entscheidungsfaktor für öffentliche und regulierte Organisationen. Da klare, vergleichbare und nicht-kommerzielle Bewertungsmodelle fehlen, haben der VÖSI und der ORF im März 2026 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Der Kooperationsgedanke steht im Zentrum – als gemeinsame Antwort auf eine nationale österreichische und europäische Herausforderung und zur Stärkung des Digitalstandorts Österreich."
Für Politik und Verwaltung sprach Karoline Angerer, Referentin für Digitalisierung im Büro von Staatssekretär Alexander Pröll im Bundeskanzleramt: "Digitale Souveränität entsteht auf zwei Ebenen zugleich – europäisch, durch gemeinsame Standards und Infrastruktur, und national, durch die Entscheidungen, die wir als öffentliche Hand tagtäglich treffen. Unsere Beschaffung ist dabei kein Verwaltungsthema, sondern ein strategisches Instrument – jede Ausschreibung ist eine Chance, Abhängigkeiten bewusst zu reduzieren."
Praxis im Betrieb und im Gesundheitswesen
Die Sicht der Unternehmer:innen vertrat Verena Wiesinger, Obfrau der Wirtschaftskammer im Bezirk Ottakring, Vorsitzende von Frau in der Wirtschaft Wien und selbst Unternehmerin: "Ich weiß aus meinem eigenen Betrieb: Digitalisierung funktioniert dann, wenn sie den Alltag leichter macht und nicht komplizierter. Digitale Souveränität bedeutet für mich, handlungsfähig zu bleiben – und in Wien haben wir starke Unternehmer:innen, die andere Betriebe genau dabei unterstützen: mit Beratung, IT, KI, Datenschutz und Lösungen aus der Praxis für die Praxis."
IT-Manager Philipp Schardax, früher im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz für die Steuerung der Digitalisierung im Gesundheitswesen zuständig, steuerte Erfahrungen aus diesem besonders sensiblen Bereich bei, in dem Souveränität eng mit Datenschutz, Sicherheit und Verfügbarkeit verknüpft ist. "Die rechtlichen Schwierigkeiten aus dem Zusammenspiel von DSGVO und US Cloud Act stellen viele Unternehmen vor Herausforderungen. Besonders mit dem europäischen Cloud and AI Development Act wird sich diese Situation noch verschärfen. Dank etablierter Open-Source-Lösungen lassen sich IT- und KI-Systeme aber auch unabhängig und günstig auf eigener Infrastruktur betreiben", so Schardax.
Abhängigkeiten kennen und bewusst steuern
Initiiert hat das zweimal jährlich stattfindende Format Gerlinde Macho, Teil der Unternehmensführung von MP2 IT-Solutions. Sie betonte, dass digitale Souveränität kein rein technisches Thema sei. "Sie beginnt dort, wo Unternehmen bewusst entscheiden, welche Daten, Prozesse und Technologien für sie geschäftskritisch sind und welche Abhängigkeiten sie eingehen wollen. Mit diesem Eventformat möchten wir Expertise und unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und einen Rahmen schaffen, in dem offen diskutiert und voneinander gelernt werden kann", so Macho. Vollständige technologische Unabhängigkeit ist für die meisten Unternehmen dabei weder realistisch noch das eigentliche Ziel.
Für Manfred Pascher, geschäftsführender Gesellschafter von MP2 IT-Solutions, hängt digitale Souveränität eng mit einer langfristigen IT-Strategie zusammen: "Als IT-Unternehmen erleben wir täglich, wie stark Geschäftsprozesse von digitalen Systemen und Services abhängen. Das bedeutet deshalb für die Unternehmer:innen vor allem, die eigene IT-Landschaft gut zu kennen, Risiken und Abhängigkeiten transparent zu machen und Alternativen zu haben. Denn Unternehmen müssen auch in kritischen Situationen handlungsfähig bleiben." Besonders gilt das für das Gesundheitswesen, dem sich MP2 IT-Solutions mit dem Competence Center Digital Healthcare widmet.
Souveränität als laufender Prozess
Das Fazit der Runde lautete, dass digitale Souveränität kein einzelnes IT-Projekt, sondern ein laufender Prozess ist. Organisationen müssen ihre Ausgangslage kennen, kritische Abhängigkeiten identifizieren und festlegen, wo mehr Eigenständigkeit und Resilienz nötig sind. Das betrifft etwa eine klare Daten- und Cloud-Strategie, Informations- und Cybersicherheit, interne Kompetenzen und die Bewertung von Anbieterabhängigkeiten. Nicht jede Lösung muss selbst betrieben oder entwickelt werden, entscheidend ist, Wahlmöglichkeiten zu erhalten und informiert zu entscheiden.
Bei Croissant und Kaffee blieb im Anschluss Zeit für persönlichen Austausch und Networking.
LEADERSNET war vor Ort und hat Eindrücke für Sie in der Galerie gesammelt.
www.mp2.at
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