Bei der Fachtagung an der TU Graz standen aktuelle Forschungsergebnisse, neue rechtliche Rahmenbedingungen und Erfahrungen aus Genehmigungsverfahren im Mittelpunkt. LEADERSNET.tv sprach mit Expert:innen darüber, wie diese Erkenntnisse in der Praxis einzuordnen sind und welche Herausforderungen sich beim Ausbau der Stromnetze ergeben.
Der Ausbau der Stromnetze bringt neben technischen und energiewirtschaftlichen Fragen auch Diskussionen über mögliche Auswirkungen auf Mensch und Umwelt mit sich. Wie diese wissenschaftlich beurteilt, rechtlich eingeordnet und gegenüber der Bevölkerung kommuniziert werden können, war Thema der mittlerweile vierten Fachtagung "Emissionen beim Stromtransport" am Institut für Hochspannungstechnik und Systemmanagement der Technischen Universität Graz.
Fachleute aus Österreich, Deutschland und der Schweiz beschäftigten sich dabei mit aktuellen Forschungsergebnissen, medizinischen Einschätzungen, gesetzlichen Vorgaben und Erfahrungen aus der Genehmigungspraxis.
Forschung zu elektromagnetischen Feldern
Ein Schwerpunkt lag auf niederfrequenten elektromagnetischen Feldern. Die Forschung auf diesem Gebiet wurde in den vergangenen Jahrzehnten international weiter vertieft. Nach mehr als 40 Jahren intensiver wissenschaftlicher Beschäftigung sei kein Wirkmechanismus nachgewiesen worden, durch den niederfrequente elektromagnetische Felder unterhalb des geltenden Grenzwerts von 100 Mikrotesla (µT) Krebs oder chronische Erkrankungen verursachen.
Klemens Reich, Experte für Emissionen bei der Austrian Power Grid AG (APG), verwies auf die mittlerweile umfangreichere Forschungslage: "Die wissenschaftliche Datenbasis ist heute wesentlich breiter als noch vor 20 Jahren. Nach dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung gibt es unterhalb der geltenden Grenzwerte keine belastbaren Hinweise auf gesundheitsschädliche Wirkungen niederfrequenter elektromagnetischer Felder."
Wie komplex die wissenschaftliche Bewertung sein kann, zeigt die Frage nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Magnetfeldern und Leukämie im Kindesalter. Ältere epidemiologische Untersuchungen hätten einen Zusammenhang zwischen der Exposition gegenüber Magnetfeldern und einem leicht erhöhten Erkrankungsrisiko gezeigt. Belege für einen kausalen Zusammenhang aus experimentellen Modellen würden jedoch fehlen. Auch ein plausibler biophysikalischer Wirkmechanismus sei nicht vorhanden.
Neue Vorgaben für Genehmigungsverfahren
Verändert haben sich auch die rechtlichen Rahmenbedingungen. Das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG) sieht für elektrische Freileitungsanlagen bei Objekten mit sensibler Nutzung einen Grenzwert von 100 µT für magnetische Felder vor. Die entsprechenden Bestimmungen gelten seit 2. Juli 2026. Die Regelung steht im Einklang mit der EU-Ratsempfehlung und schafft damit einen rechtlich verbindlichen Wert für Genehmigungsverfahren.
Für diese Verfahren seien insbesondere elektrische und magnetische Felder relevant, erklärte Reich gegenüber LEADERSNET.tv. Nach sieben großen UVP-Verfahren gebe es mittlerweile sowohl bei den Behörden als auch bei der APG umfangreiche Erfahrungen. Bei der Fachtagung blickte der Experte auf die Genehmigungsverfahren der vergangenen 15 bis 20 Jahre zurück und ging auf die Neuerungen durch das EABG ein.
Rechtsanwalt Mario Laimgruber von Haslinger/Nagele Rechtsanwälte sieht in der gesetzlichen Neuregelung eine weitreichende Veränderung: "Das EABG stellt einen Paradigmenwechsel im österreichischen Genehmigungsrecht für Energieanlagen und damit auch für Stromleitungsprojekte dar."
Die im EABG festgeschriebenen gesetzlichen Vermutungen hinsichtlich elektromagnetischer Felder und Schall seien laut Laimgruber verbindliche Klarstellungen, deren Bedeutung über die ausdrücklich adressierte Wirkung innerhalb verordneter Trassenkorridore hinausgehe.
Auch Sachverständiger David Schnaiter unterstrich die Bedeutung entsprechender Vorgaben: "Grenzwerte sind ein unverzichtbarer Bestandteil der umweltmedizinischen Beurteilungspraxis und Rückgrat für Genehmigungsverfahren."
Erfahrungen aus sieben UVP-Verfahren
Wie wissenschaftliche Erkenntnisse in der Praxis von Infrastrukturprojekten berücksichtigt werden, zeigen auch die bisherigen Verfahren der APG. Das Unternehmen hat sieben Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren durchgeführt und dabei Erfahrungen mit fachlichen Bewertungen, behördlichen Prüfungen und dem Dialog mit betroffenen Bevölkerungsgruppen gesammelt.
Fragen zu elektromagnetischen Feldern und möglichen gesundheitlichen Auswirkungen würden dabei regelmäßig einen wichtigen Teil der öffentlichen Diskussion ausmachen. Neben technischen und rechtlichen Grundlagen kommt damit auch der verständlichen Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse Bedeutung zu.
Wahrnehmung elektromagnetischer Felder
Mit der Wahrnehmung elektromagnetischer Felder in der Bevölkerung beschäftigte sich auch Sören Brömme, Strahlenschutz-Experte beim deutschen Bundesamt für Strahlenschutz. Umfragen zufolge würden sich rund 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Sorgen im Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern machen. Gleichzeitig würden die tatsächlichen Feldstärken häufig überschätzt.
"Mit Messtechnik und laienverständlicher Aufbereitung von Messdaten kann man den Leuten eine realistische Einschätzung der Felder im Alltag näherbringen", sagte Brömme gegenüber LEADERSNET.tv.
Vertrauen durch nachvollziehbare Kommunikation
Die Frage, wie wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt werden, griff auch Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen auf. In ihrer Präsentation beschäftigte sie sich mit Wissenschaftsskepsis und Verschwörungsglauben. Wissenschaftliche Fakten allein würden demnach nicht automatisch Vertrauen schaffen. Entscheidend seien ebenso die Art der Kommunikation, die Glaubwürdigkeit der Absender sowie ein respektvoller Umgang mit Sorgen und Unsicherheiten.
Gespräche sollten laut Schiesser nicht mit dem Ziel geführt werden, das Gegenüber um jeden Preis zu überzeugen. Vielmehr gehe es darum, Differenzierung anzuregen und einen sachlichen Austausch zu ermöglichen.
"Bei sensiblen Themen reicht es nicht, Daten bereitzustellen. Vertrauen entsteht dort, wo wissenschaftliche Erkenntnisse nachvollziehbar erklärt, Fragen ernst genommen und Gespräche respektvoll geführt werden", so Schiesser.
Blick über Österreich hinaus
Neben der Situation in Österreich wurden bei der Veranstaltung auch Erfahrungen aus Deutschland und der Schweiz behandelt. Referent:innen brachten unterschiedliche rechtliche Rahmenbedingungen, Bewertungsansätze und Vorsorgemodelle in die Diskussion ein.
Jürg Eberhard von der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation an der ETH Zürich verwies auf Messungen in der Schweiz: "Das schweizerische Bundesamt für Umwelt führt umfangreiche Magnetfeldmessungen durch. Diese zeigen, dass die Feldstärken insgesamt moderat und weit unterhalb des Grenzwertes von 100 µT liegen."
Der internationale Austausch machte dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei rechtlichen Rahmenbedingungen, Bewertungsansätzen und Vorsorgemodellen sichtbar.
Interviewpartner:innen
LEADERSNET.tv holte neben Klemens Reich (Experte Emissionen, APG), Sören Brömme (Strahlenschutz-Experte, Bundesamt für Strahlenschutz) und Ulrike Schiesser (Psychologin, Bundesstelle für Sektenfragen) auch noch Bernhard Schober (Hochspannungstechnik-Experte, TU Graz), Wolfgang Paulmair-Sattler (Leiter Elektrotechnik, illwerke vkw AG), Michael Klein (Hochspannungsreferent, Wiener Netze) und Benjamin Jauk (Projektleiter Energienetze, TU Graz) vor die Kamera.
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