Die österreichische Heumilchwirtschaft feiert zehn Jahre europäisches Gütesiegel und kann auf steigende Umsätze verweisen. Doch der Klimawandel stellt die Betriebe vor neue Herausforderungen. Bei einer Pressereise der ARGE Heumilch besuchte LEADERSNET KEYaccount den Heumilchbauernhof von Thomas Ebner sowie die Molkereien SalzburgMilch und Woerle.
Frisches Gras und Kräuter im Sommer, getrocknetes Heu im Winter. Was nach einer Selbstverständlichkeit klingt, ist in der modernen Milchwirtschaft längst keine. Die Heuwirtschaft verzichtet konsequent auf vergorene Futtermittel wie Silage. Dass sich daraus ein erfolgreiches Marktsegment entwickeln lässt, zeigt die österreichische Heumilchwirtschaft. Allerdings verlangt diese Produktionsweise den Bauern einiges ab, besonders in einem Jahr wie 2026.
23 Millionen Euro Mehrwert für die Bauern
Seit 2016 trägt Heumilch das EU-Gütesiegel "garantiert traditionelle Spezialität" (g.t.S.). Damit wurde die traditionelle Wirtschaftsweise europaweit rechtlich abgesichert. Die Vorgaben betreffen unter anderem die Fütterung und werden sowohl auf den landwirtschaftlichen Betrieben als auch bei den Verarbeitern kontrolliert. "Das EU-Gütesiegel g.t.S. auf der Verpackung schafft Transparenz und Vertrauen. Gleichzeitig unterstützt das Siegel die Vermarktung, weil es klar erkennbar macht, dass unsere Heumilchprodukte etwas Besonderes sind", erklärt Christiane Mösl, Geschäftsführerin der ARGE Heumilch.
Die wirtschaftlichen Ergebnisse geben der Organisation recht. Im Jahr 2025 wurden in Österreich 532 Millionen Kilogramm Heumilch verarbeitet. Der Umsatz mit Heumilchprodukten im österreichischen Lebensmittelhandel stieg gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent auf rund 179 Millionen Euro.
Durch den Heumilchzuschlag wurden 2025 zusätzliche 23 Millionen Euro für die landwirtschaftlichen Betriebe erwirtschaftet. Karl Neuhofer, Obmann der ARGE Heumilch und selbst Heumilchbauer in Salzburg, betonte bei der Pressekonferenz, dass diese Erlöse nicht aus Fördermitteln stammen, sondern über die Vermarktung der Produkte erzielt werden.
Der Handel als wichtiger Partner
Entscheidend für diese Entwicklung ist die Zusammenarbeit mit dem Lebensmittelhandel. Nach Angaben der ARGE führen mittlerweile alle großen österreichischen Lebensmittelhändler entsprechende Sortimente. Dabei spielen auch die Eigenmarken eine wichtige Rolle. Auf eine Frage von KEYaccount erklärte Neuhofer, dass insbesondere hochwertige Eigenmarkenprogramme zusätzliche Absatzmöglichkeiten eröffneten. Der Wettbewerb zwischen den Molkereien um den Rohstoff Heumilch soll wiederum den landwirtschaftlichen Betrieben zugutekommen. "Und die Milchqualität beginnt mit der Fütterung", erklärt Christiane Mösl im KEYaccount-Interview. Im Video erläutert sie die Bedeutung von frischen Gräsern, Kräutern und Heu.
SalzburgMilch und Woerle als wichtige Verarbeiter
Wie sich das Konzept in der industriellen Verarbeitung umsetzen lässt, war ein weiterer Schwerpunkt der Pressereise. Auf dem Programm standen Besuche bei SalzburgMilch und Woerle, zwei bedeutenden Heumilchverarbeitern. In Österreich gehören der ARGE rund 6.000 landwirtschaftliche Betriebe und 53 Verarbeiter an. Einschließlich der Mitglieder aus Bayern und Baden-Württemberg vertritt sie mehr als 6.500 Lieferanten und 63 Verarbeitungsbetriebe. Bemerkenswert ist die gemeinsame Vermarktung, obwohl die beteiligten Molkereien auf dem Markt miteinander konkurrieren. Innerhalb der ARGE arbeiten sie zusammen, um die Bekanntheit der Heumilch und die Wertschöpfung des gesamten Segments zu erhöhen.
Dürresommer stellt die Bauern vor Probleme
Bei einer Pressekonferenz auf dem Heumilchbauernhof von Thomas Ebner in Sommerholz, an die sich eine Betriebsbesichtigung anschloss, standen auch die Auswirkungen des Dürresommers 2026 im Mittelpunkt. Die Trockenheit führte regional zu erheblichen Einbußen bei der Futterernte. Neuhofer berichtete von Betrieben, denen bis zu 30 oder 35 Prozent der üblichen Futtermenge fehlten.
Dennoch hielt die ARGE am Verbot von Silage fest. Eine Aufweichung der Standards würde nach Ansicht Neuhofers die Glaubwürdigkeit der gesamten Qualitätsinitiative gefährden. Stattdessen müssen sich die Betriebe an veränderte klimatische Bedingungen anpassen, etwa indem sie in ertragreichen Jahren größere Heuvorräte anlegen.
Auch Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig, der an der Pressekonferenz teilnahm, verwies auf die Notwendigkeit neuer Strategien: "Besonders der diesjährige Dürresommer zeigt, dass sich unsere Landwirtschaft noch besser an die veränderten Rahmenbedingungen anpassen muss." Diskutiert wurden unter anderem eine angepasste Grünlandbewirtschaftung, digitale Hilfsmittel und zusätzliche Bewässerungsmöglichkeiten. "Das wird uns nicht schwächen in der Milchproduktion. Nur wir werden gewisse Dinge einfach neu denken müssen", erklärt Neuhofer im KEYaccount-Interview.
40 Prozent Bio-Anteil
Neben der traditionellen Fütterung setzt die Branche zunehmend auf biologische Landwirtschaft. Der Bio-Anteil der Heumilch liegt laut ARGE mittlerweile bei 40 Prozent und hat sich seit dem Start der Initiative im Jahr 2009 beinahe verdoppelt. Allerdings sind Heumilch und Biomilch nicht gleichzusetzen. Während die Heumilchproduktion vor allem durch die silagefreie Fütterung definiert ist, gelten für Biobetriebe zusätzliche Anforderungen. Eine Befragung aus dem Jahr 2025 ergab zudem, dass rund 90 Prozent der befragten Heumilchbetriebe beabsichtigen, auch 2030 noch Heumilch zu produzieren.
Ein europäisches Qualitätsmodell
Der frühere Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter, der 2016 die europäische Anerkennung unterstützte, sieht in der Heumilch ein Beispiel dafür, wie sich traditionelle Produktionsweisen wirtschaftlich behaupten können. "Ein europäisches Gütesiegel schafft Sicherheit über nationale Grenzen hinweg. Für Heumilch bedeutet das, dass die geschützten Vorgaben europaweit gelten und nicht nur auf nationaler Ebene abgesichert sind", erklärte Rupprechter.
Zusätzliche internationale Anerkennung erhielt die traditionelle Heuwirtschaft durch die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die sie als landwirtschaftliches Kulturerbe von globaler Bedeutung würdigte.
Zehn Jahre nach der Einführung des EU-Gütesiegels fällt die Bilanz positiv aus. Die Nachfrage steigt, die Vermarktung funktioniert und die Bauern profitieren von zusätzlichen Erlösen. Ob sich diese Entwicklung fortsetzen lässt, wird allerdings auch davon abhängen, wie gut die Betriebe mit den klimatischen Herausforderungen der kommenden Jahre zurechtkommen.
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