Editorial des Herausgebers
15 Prozent sind viel zu wenig

| Wolfgang Zechner 
| 29.09.2026

Zwei wichtige Personalentscheidungen im österreichischen Handel setzen ein erfreuliches Zeichen. Bei Spar zieht erstmals eine Frau in den Vorstand ein, bei dm übernimmt sogar erstmals eine Frau den Vorsitz der Geschäftsleitung. Ein Blick auf die gesamte heimische Wirtschaft zeigt allerdings, wie außergewöhnlich solche Personalentscheidungen noch immer sind.

Es tut sich etwas in den Führungsetagen des österreichischen Handels. Spar hat bereits vor einigen Wochen seine Vorstandsnachfolge ab 2028 geregelt. Mit Tanja Wiesmann wird dann erstmals eine Frau in den Vorstand des größten heimischen Lebensmittelhändlers einziehen (LEADERSNET KEYaccount berichtete über die Neubestellung des Vorstands hier). Fast noch erfreulicher ist die jüngste Nachricht von dm: Karin Reisinger übernimmt mit 1. Oktober den Vorsitz der Geschäftsleitung von dm Österreich. Auch dort steht damit erstmals eine Frau an der Spitze. Alle Infos finden Sie hier. 

Zwei erfreuliche Personalentscheidungen. Und eigentlich sollte es im Jahr 2026 gar nicht mehr notwendig sein, besonders darauf hinzuweisen, dass Frauen solche Spitzenpositionen in großen Unternehmen übernehmen.

Leider ist es das immer noch.

Eine aktuelle Auswertung der Beratungsfirma EY zeigt, wie weit Österreich von tatsächlicher Gleichstellung in den Führungsetagen entfernt ist. Von 190 Vorstandsmandaten in den untersuchten börsennotierten Unternehmen sind gerade einmal 29 mit Frauen besetzt. Das entspricht 15,3 Prozent. Mehr als die Hälfte der untersuchten Unternehmen hat überhaupt keine Frau im Vorstand. Man muss sich diese Zahl auf der Zunge zergehen lassen: 15 Prozent.

Natürlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vieles verändert. Frauen stellen einen erheblichen Teil der hoch qualifizierten Arbeitskräfte, führen Abteilungen und Unternehmen und sind in praktisch allen Bereichen der Wirtschaft erfolgreich. Nur ganz oben wird die Luft offenbar noch immer erstaunlich dünn.

Das klassische Argument gegen Quoten klingt zunächst vernünftig: Entscheidend sollen Qualifikation und Leistung sein, nicht das Geschlecht. Genau so sollte es eigentlich funktionieren. Nur denken viele, die dieses Argument vorbringen, es nicht zu Ende. Denn wenn das Geschlecht tatsächlich keine Rolle spielt, warum sind dann in so vielen Unternehmen fast ausschließlich Männer in den obersten Führungspositionen? Sind Männer tatsächlich so viel häufiger besser qualifiziert? Wohl kaum. Das klassische Argument gegen die Quote ist also Quatsch. 

Die Zahlen sprechen jedenfalls eine bemerkenswert deutliche Sprache. Nach Jahrzehnten der Gleichstellungsdebatte ist gerade einmal rund jedes siebente Vorstandsmandat mit einer Frau besetzt. Mehr als die Hälfte der untersuchten Unternehmen hat überhaupt keine Frau im Vorstand. Da lässt sich schwer behaupten, das Problem werde sich irgendwann von selbst erledigen.

Führungsstrukturen reproduzieren sich. Menschen fördern Menschen, die ihnen vertraut sind, bewegen sich in bestehenden Netzwerken und entscheiden darüber, wer als Nächstes nach oben kommt. Und solange diese Ebenen überwiegend männlich besetzt sind, bleiben auch die Strukturen überwiegend männlich.

Deshalb bin ich seit Langem davon überzeugt: Ohne verbindliche Vorgaben wird es nicht gehen.

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV