Digitale Trauerreden
Toni Faber pfeift auf Pension und wird zum KI-Pfarrer

Der scheidende Dompfarrer startet in ein ungewöhnliches neues Kapitel. Hinter dem Projekt steht ein Grazer Startup, das die Bestattungsbranche digitalisieren will.

Ende August 2027 legt Toni Faber nach fast drei Jahrzehnten sein Amt als Wiener Dompfarrer zurück (LEADERSNET berichtete). An einen Rückzug ins Private denkt der 64-Jährige aber wohl nicht. Stattdessen wird er zum Gesicht der Plattform Lebensstimmen, auf der Menschen schon zu Lebzeiten festlegen können, mit welchen Worten sie einmal verabschiedet werden. Laut oe24 soll Faber dort als digitaler Trauerredner auftreten und Ansprachen halten, die die Verstorbenen vorab selbst verfasst haben. Die fertige Rede wird dann bei der Trauerfeier abgespielt. Offiziell präsentiert wird das Projekt am 20. Oktober bei einer Pressekonferenz im Mandarin Oriental Wien – zeitlich passend nur wenige Tage vor Allerheiligen und Allerseelen.

Persönliche Worte statt Standardfloskeln

Den Anstoß für sein Engagement liefert nach eigenen Angaben Fabers jahrzehntelange Erfahrung als Seelsorger. Bei vielen Begräbnissen habe er erlebt, dass der Abschied unpersönlich geriet, weil die Familie schlicht nicht wusste, was sich der oder die Verstorbene gewünscht hätte. Gerade nach einem plötzlichen Todesfall fehle Angehörigen oft die Kraft, das Leben eines Menschen in passende Worte zu fassen. Wer die eigene Rede selbst schreibt, nimmt den Hinterbliebenen diese Aufgabe ab und sorgt dafür, dass am Ende die eigenen Gedanken zu hören sind. Faber spricht in diesem Zusammenhang von einem weltweit erstmaligen Projekt dieser Art.

Selbstverständlich war der Schritt in die digitale Welt für den Geistlichen nicht. Künstliche Intelligenz (KI) und soziale Medien hätten ihm lange Zeit eher Sorgen bereitet, räumt Faber ein. Erst die Zusammenarbeit mit dem Team aus Technologie- und KI-Expert:innen habe ihm die Bedenken genommen. Derzeit begutachtet er seinen computergenerierten Avatar, bevor dieser freigegeben wird. Danach soll der digitale Faber international buchbar sein. Mit der Kirche bricht er dabei nicht: Laut Erzdiözese Wien bleibt Faber auch nach seiner Pensionierung als Priester in der Cityseelsorge aktiv und kann sich darüber hinaus neuen Aufgaben widmen.

Vier Formate mit klarer KI-Kennzeichnung

Insgesamt umfasst das Angebot von Lebensstimmen vier Produkte. Mit der "Grußbotschaft" und "Meine letzte Rede" können Nutzer:innen ihren Abschied zu Lebzeiten selbst gestalten, mit eigener Stimme, eigenen Inhalten sowie Musik und Bildern. Daneben gibt es einen neutralen "KI-Trauerredner" sowie das Format "Aus Sicht der Familie", mit dem Angehörige nach einem Todesfall eine digitale Trauerrede erstellen lassen können. Vertrieben werden die Formate nicht direkt, sondern über Bestattungsunternehmen, Vorsorgeversicherer, Institutionen und Medienpartner im Lizenz- und White-Label-Modell.

Vom Vorwurf, Deepfakes zu produzieren, grenzt sich das Startup ausdrücklich ab. Sämtliche Inhalte sind stilisiert, als KI-generiert gekennzeichnet und werden von Menschen kuratiert und freigegeben. Für Zustimmung und Widerruf gelten eigene Regeln, gehostet werde DSGVO-konform in der EU, und rechtlich begleitet die Grazer Kanzlei ScherbaumSeebacher das Projekt.

"Es geht nicht darum, Menschen digital zurückzubringen", betont Mitgründer und CEO Philipp Berkessy. Ziel sei vielmehr ein selbstbestimmter Abschied, den jede:r nach eigenen Vorstellungen gestalten kann.

Grazer Gründertrio mit Erfahrung aus Bestattung und Motorsport

Gegründet wurde die Lebensstimmen GmbH, international unter dem Namen "Words that Remain" aktiv, heuer von drei Grazer Unternehmern. Markus Pinter ist Inhaber der Pinter Bestattung, war Geschäftsführer der Bestattung und Friedhöfe Wien und ist Vizepräsident der Europäischen Bestattervereinigung EFFS. Seine Firma fungiert zugleich als erster Pilotpartner. Philipp Berkessy wiederum führt die Berkessy Consulting GmbH und war unter anderem Geschäftsführer am Red Bull Ring sowie COO der DTM. Der Dritte im Bunde, nämlich Lukas Stern, hat die Aldea Agency gegründet und verantwortet die technische Architektur. Im September stieg zudem Motorsportlegende Helmut Marko als Investor ein, zur Höhe der Beteiligung gibt es jedoch keine Angaben.

Das Potenzial schätzt das Unternehmen auf rund 1,4 Millionen Sterbefälle pro Jahr im DACH-Raum, für die es bislang praktisch keine digitalen Angebote gebe. Nach eigenen Angaben liegen bereits mehrere Absichtserklärungen von Bestattungsunternehmen, Versicherern und Verbänden aus dem In- und Ausland vor. Auf der Technologiemesse LEAP in Riad kündigte Lebensstimmen außerdem eine Partnerschaft mit dem Tokenisierungsanbieter Green Encoded an, durch die eine zu Lebzeiten lizenzierte Stimme zu einem verifizierbaren digitalen Asset werden soll. Der internationale Rollout des Lizenzmodells ist für das erste Quartal 2027 geplant.

www.lebensstimmen.com

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