Unter dem Motto "Digital Confirmation" beschäftigte sich das ILS Main Event 2026 am 14. und 15. Oktober mit aktuellen Herausforderungen und technologischen Entwicklungen in der Wirtschaft. Mehr als 500 Brancheninteressierte besuchten die Helmut List Halle in Graz, wo über 60 internationale Speaker:innen ihre Erfahrungen und Lösungsansätze präsentierten. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche digitalen Technologien und Geschäftsmodelle sich bereits in der unternehmerischen Praxis bewähren.
Neuer Austragungsort
Die Gastgeber:innen der Independent Logistics Society (ILS), Birgit Edlinger, Managing Partner Strategy, und Kajetan Bergles, Managing Partner und Project Lead, setzen dabei auf den Austausch zwischen Wirtschaft, Industrie, Forschung und Politik. Ziel war es, konkrete Anwendungsmöglichkeiten aufzuzeigen und den Teilnehmer:innen Impulse für ihre Unternehmen zu vermitteln.
Mit der Helmut List Halle wurde für die diesjährige Veranstaltung ein neuer Austragungsort gewählt. Die beiden Geschäftsführer Michael Tassis und Christoph Baloch sahen darin auch ein Signal für den Wirtschaftsstandort Steiermark. Die Veranstaltung unterstreiche die Bedeutung von Graz als Innovationsstandort und stärke die Positionierung der Region im Bereich moderner Lieferketten.
Künstliche Intelligenz und leistungsfähige Lieferketten
Eröffnet wurde das Main Event von Moderator Christian Clerici gemeinsam mit dem humanoiden Roboter Unitree G1. In der anschließenden Keynote beschäftigte sich Jörg Konwalinka, Head of AI Business Process Solutions bei Microsoft Österreich, mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz in Unternehmen. KI dürfe nicht als technische Spielerei verstanden werden, sondern müsse als Bestandteil zentraler Geschäftsprozesse betrachtet werden. Auch Thomas Gruber, Co-CEO von ProSiebenSat.1 Puls 4, zeigte sich von den Ausführungen angetan.
Über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen diskutierten anschließend die steirischen Landesräte Willibald Ehrenhöfer und Claudia Holzer, der Grazer Stadtrat Kurt Hohensinner, Wirtschaftskammer-Vizepräsident Herbert Ritter sowie Markus Tomaschitz von AVL List und Gerald Hofer, CEO der Knapp AG.
Einigkeit bestand darüber, dass eine wettbewerbsfähige Wirtschaft auf schnelle, zuverlässige und datenbasierte Lieferketten angewiesen sei. Diese müssten Produzent:innen, Handelsunternehmen und Konsument:innen möglichst effizient miteinander verbinden. "In der Wirtschaft haben jene Unternehmen die Nase vorn, die die schnellsten und zuverlässigsten Lieferketten anbieten", sagte Herbert Ritter.
Berufliche Ausbildung als wichtiger Wirtschaftsfaktor
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Qualifizierung zukünftiger Fachkräfte. Walter Bostelmann von Kellner & Kunz, Paul Fuchs von EVK, Christoph Prattes von Pankl Racing Systems, Elisabeth Meixner von der Bildungsdirektion Steiermark und Norbert Adler von der CBN Consultinggroup beschäftigten sich mit dem Stellenwert der Lehre.
Die Diskutierenden machten deutlich, dass qualifizierte Arbeitskräfte nicht ausschließlich an Universitäten ausgebildet würden. Praktische Berufserfahrung vermittle Kompetenzen, die insbesondere für technische und industrielle Tätigkeiten von großer Bedeutung seien. "Wir müssen der beruflichen Bildung endlich wieder den Stellenwert geben, den sie verdient", erklärte Walter Bostelmann.
Über seine Erfahrungen bei den WorldSkills in Shanghai berichtete Paul Zadravec, Speditionskaufmann und Logistiker bei Kühne + Nagel. Er war direkt vom internationalen Wettbewerb nach Graz gereist und erläuterte, welche Fähigkeiten junge Fachkräfte bei der eigenständigen Lösung komplexer Aufgaben benötigen würden.
Ergänzend demonstrierte Viktoria Zinner von Golden Mind live, wie Lehrlinge durch das KI-gestützte "KIM-Training" beim Aufbau zukunftsrelevanter Kompetenzen unterstützt werden können.
Europas digitale Abhängigkeit und neue Mobilitätskonzepte
Mit der Widerstandsfähigkeit europäischer Lieferketten befassten sich Margaretha Gansterer von der Universität Klagenfurt und Sebastian Kummer von der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie verwiesen auf die starke Abhängigkeit Europas von Rohstoffen, Hardware und Software aus Asien und den USA.
Wer eine größere wirtschaftliche und digitale Eigenständigkeit erreichen wolle, müsse nach ihrer Einschätzung auch bereit sein, die damit verbundenen Kosten zu tragen. Weitere Aspekte der Standortentwicklung und Mobilität diskutierten Jürgen Rechberger von AVL List, Martin Treffer von Herbert Temmel und Elisabeth Rothmüller-Jannach von der Wirtschaftskammer Kärnten.
Einen konkreten Ansatz für die Elektrifizierung des Güterverkehrs stellte Heimo Aichmaier, Geschäftsführer von E.On Drive Austria, vor. Mit DepotOne bieten E.On Drive und NEoT elektrische Lkw und Ladeinfrastruktur aus einer Hand an. Die Abrechnung erfolgt nutzungsabhängig. Der ergänzende SmartPass soll das Laden, Bezahlen und Abrechnen über unterschiedliche Standorte hinweg ermöglichen. "Der E-Lkw ist längst wirtschaftlich, wenn er im eigenen Depot lädt. Mit DepotOne erleichtern wir den Umstieg, mit dem SmartPass verbinden wir die Ladeinfrastruktur zu einem intelligenten System", erklärte Aichmaier.
Paul Janacek von ConActing ergänzte die Diskussion um Fragen der Netzauslastung, der Ladeinfrastruktur sowie des Zusammenspiels von Schienenverkehr, Straßentransport und Stromversorgung.
Automatisierung soll industrielle Prozesse intelligenter machen
Welche Möglichkeiten moderne Technologien in Produktion und Logistik eröffnen, wurde in der Session "Smart Logistics & Technology" behandelt. Udo Traussnigg von der FH Campus 02 erläuterte, wie Unternehmen wiederkehrende Aufgaben automatisieren und gleichzeitig betriebliches Fachwissen erhalten könnten. Die dadurch frei werdenden Ressourcen ließen sich verstärkt für strategische, kreative und zwischenmenschliche Aufgaben einsetzen.
Manfred Fuchs, Geschäftsführer von ivii, beschäftigte sich mit visueller Intelligenz in autonomen Industriesystemen. Gemeinsam mit Elma Alexandra Sadaj von SSI Schäfer, Michael Kaspar von Siemens und Volker Glöckle von SICK wurde die Weiterentwicklung automatisierter Prozesse diskutiert.
Die Expert:innen gingen davon aus, dass industrielle Systeme zunehmend in der Lage sein würden, Daten eigenständig auszuwerten. Dadurch könnten Fabriken und Lieferketten nicht nur effizienter, sondern auch besser planbar und widerstandsfähiger werden.
Parallelen zwischen Musikindustrie und Logistik
Für einen Perspektivenwechsel sorgte Smudo von den Fantastischen Vier. Der Musiker, der auch als Unternehmer im Technologie- und Innovationsbereich tätig ist, sprach mit Moderator Christian Clerici, FACC-CEO Robert Machtlinger und Knapp-COO Franz Mathi über den Wandel der Musikindustrie.
Anhand seiner Erfahrungen aus 35 Jahren Musikgeschäft erläuterte er, wie technologische Veränderungen etablierte Einnahmequellen und Geschäftsmodelle grundlegend verändern können. Unternehmen müssten deshalb bereit sein, sich von überholten Strukturen zu lösen. "Wer Angst vor Veränderung hat, überlässt das Feld jenen, die keine Angst haben. Das gilt für Popmusik genauso wie für die Logistik", so Smudo.
Wie eng regionale Wertschöpfung und internationale Transportnetzwerke zusammenhängen, verdeutlichte anschließend ein Praxisbeispiel aus der steirischen Weinwirtschaft. Christoph Neumeister von STKWinzer, Andreas Grad von Transdanubia Holding, Markus Sturm von Schwingshandl und Klaus Domittner von der Steiermärkischen Sparkasse zeichneten den Weg eines regionalen Weinprodukts bis auf den internationalen Markt nach.
Mitarbeitergesundheit und Kreislaufwirtschaft im Fokus
Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Beitrag von Julia Hoffmann, CSO der Biogena Group. Sie widmete sich der Frage, welchen Stellenwert die Gesundheit und langfristige Leistungsfähigkeit von Mitarbeiter:innen in Unternehmen einnehmen sollten. Dabei zog sie einen Vergleich zwischen der regelmäßigen Wartung technischer Anlagen und dem Umgang mit personellen Ressourcen.
Im Anschluss präsentierte Laurenz Hoffmann, Co-CEO von Alimentastic, ein industrielles Konzept zur Wiederverwertung organischer Reststoffe. Die "ReFarmUnit" der Reploid Group AG könne jährlich rund 9.500 Tonnen organisches Material aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie verarbeiten. Die Reststoffe würden innerhalb eines Radius von etwa 50 Kilometern gesammelt und unter anderem zu Tierprotein und organischem Dünger weiterverarbeitet.
Renato Šarc von der Montanuniversität Leoben erläuterte die wissenschaftlichen Grundlagen einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Darauf aufbauend diskutierten Maximilian Schwab von Energie AG OÖ Umweltservice, Henk Welleweerd von Nedcon, Richard Stralz von Mayr-Melnhof Holz und Alexander Fetz von Headwall Photonics darüber, unter welchen Voraussetzungen sich Reststoffe als wirtschaftlich nutzbare Rohstoffe einsetzen lassen.
Nachhaltige Logistik durch Daten und Robotik
Mit praktischen Anwendungen an der Schnittstelle von Ökologie und Technologie beschäftigten sich Martin Riester von Fraunhofer Austria, Thomas Nigl von der Montanuniversität Leoben und Franz Zagler von Spar Österreich. Anhand unterschiedlicher Beispiele, darunter Erdbeeren, Hunde und Batterien, zeigten sie, welche Bedeutung korrekt aufbereitete Stammdaten, geeignete Algorithmen und automatisierte Abläufe für moderne Logistiksysteme haben können.
Die Beiträge verdeutlichten, dass ökologische Zielsetzungen und wirtschaftliche Anforderungen gemeinsam betrachtet werden müssten.
Internationale Fachkräfte und Verantwortung für KI
Unter dem Titel "The New Talent Race" beschäftigten sich Ibolya Cseke von Knapp, Karl Hartleb von ICS, Andrew Midgley von der TXM Group, Bhumit Shokeen von Hiring Head India und Veronika Wolf vom Cint Club International mit internationalen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Im Mittelpunkt stand die Frage, weshalb europäische Unternehmen ihre Personalbeschaffung zunehmend über nationale Grenzen hinaus ausrichten müssten.
Anschließend diskutierten Patrick Ratheiser von EY Österreich, Werner Kraus von Magenta Telecom, Willibald Erhart von Saubermacher, Oliver Lehner von Digital2Go und Martin Lang von Greco im Panel "Trusted Intelligence" über die Verantwortung beim Einsatz künstlicher Intelligenz.
Besonders die Haftung für algorithmisch getroffene Entscheidungen wurde thematisiert. Werner Kraus stellte klar: "KI kann Muster erkennen und in Millisekunden entscheiden. Aber haften muss am Ende der Mensch. Wer das vergisst, riskiert das Vertrauen seiner Kund:innen."
Robotik zum Abschluss
Zum Ende des ILS Main Events standen humanoide Roboter und autonome Systeme im Mittelpunkt. Der bereits bei der Eröffnung eingesetzte Unitree G1 demonstrierte unter anderem die Sortierung von Altstoffen und beteiligte sich an Gesprächen über den Umgang mit europäischen Rohstoffen.
Den Abschluss bildete ein Robo-Catwalk, bei dem verschiedene Robotersysteme wie Segway E1, Unitree B2 und Wheels präsentiert wurden. Nils Müller, CEO von Trendone, sah darin mehr als eine technische Vorführung. Die Präsentation zeige, wie sich humanoide und autonome Systeme zunehmend von experimentellen Entwicklungen zu möglichen Assistenzlösungen für den industriellen Alltag weiterentwickeln würden.
Einen Eindruck von der Veranstaltung können Sie sich hier machen.
www.ils365.at
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