LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Draxler, sehr geehrter Herr Güthlein, warum rücken Fragen der Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit derzeit so stark in den Mittelpunkt?
Reinhard Draxler: Die internationalen Krisen der vergangenen Jahre haben eines verdeutlicht: Fossile Energien gelten zunehmend als Risiko, und zwar nicht nur wegen ihrer Klimawirkung, sondern auch wegen stark schwankender Preise und der Abhängigkeit von Lieferungen aus Krisenregionen. Die Antwort liegt aus unserer Sicht in regional verfügbaren Quellen wie Wasser, Wind, Sonne und Biomasse.
Danny Güthlein: Europa ist immer noch in hohem Maß von Energieimporten abhängig. Andere große Wirtschaftsregionen, allen voran China, investieren auch deshalb stark in erneuerbare Energie, weil sie dadurch unabhängiger werden. Diesen Weg sollte auch Europa konsequent gehen. Wer weniger importiert, ist in Krisen weniger verwundbar.
LEADERSNET: Was bedeutet dieser Umbau des Energiesystems für die Kelag?
Draxler: Wir investieren bis 2034 rund vier Milliarden Euro in die Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, in Netzinfrastrukturen für Strom und Glasfaser-Internet sowie in die Wärmeversorgung. Dahinter stehen konkrete Projekte, beispielsweise der Windpark Lavamünd, das Schwallausgleichskraftwerk Kolbnitz oder die Erneuerung des 110-kV-Netzes in Mittelkärnten. Jeder Euro, der nicht für importierte Rohstoffe ausgegeben wird, kann in erneuerbare Anlagen und Netze fließen. Diese Wertschöpfung bleibt im Land.
LEADERSNET: Häufig wird angenommen, dass der Ausbau erneuerbarer Energie automatisch zu höheren Kosten führt. Wie sehen Sie das?
Güthlein: Unser heutiges Strom- und Wärmesystem ist stark von variablen Kosten geprägt. Gas und Kohle treiben die Preise und sorgen für Schwankungen. Erneuerbare Energien verändern diese Logik: Einmal gebaut, liefern Photovoltaik- und Windkraftanlagen über Jahrzehnte Strom bei niedrigen Gestehungskosten. Wir entwickeln uns damit von einem Schwankungssystem in Richtung eines Systems mit einem höheren Fixkostenanteil. Je schneller der Ausbau gelingt, desto schneller können sich auch die Preise stabilisieren.
LEADERSNET: Wie sieht ein tragfähiges erneuerbares Energiesystem aus?
Güthlein: Der Schlüssel ist ein ausgewogener Mix. Wir denken an rund 40 Prozent Wasserkraft sowie jeweils etwa 30 Prozent Photovoltaik und Windkraft. Diese Technologien ergänzen einander: Photovoltaik liefert vor allem im Sommer, Windkraft stärker im Winter. Österreich verfügt mit seiner Wasserkraft über einen wichtigen Startvorteil. Für die kalten Monate braucht es zusätzlich thermische Energie, etwa aus Biomasse. So kann ein System entstehen, das über das gesamte Jahr trägt.
LEADERSNET: Was haben Kärnten und seine Bevölkerung konkret von diesen Investitionen?
Draxler: Fast drei Viertel unserer Investitionen fließen direkt nach Kärnten. Bis 2035 bedeutet das laut unserer Berechnung eine zusätzliche Wertschöpfung von 2,8 Milliarden Euro und im Durchschnitt 1.700 Arbeitsplätze im Land. Jeder Arbeitsplatz bei der Kelag sichert mindestens einen weiteren in Kärnten ab. Energiepolitik ist deshalb immer auch Standort- und Beschäftigungspolitik. Ein starkes Energieunternehmen liefert nicht nur Strom und Wärme, sondern stärkt auch Betriebe und Gemeinden in der Region.
LEADERSNET: Viele Menschen fragen sich, welchen persönlichen Nutzen die Energiezukunft für ihren Alltag bringt. Was antworten Sie ihnen?
Güthlein: Wärmepumpen und E-Mobilität bringen messbare Vorteile, nicht irgendwann, sondern bereits heute. Wir haben im heurigen Juli modellhaft ein integriertes System aus Photovoltaik, Wärmepumpe und E-Auto mit einer jährlichen Fahrleistung von rund 15.000 Kilometern und überwiegender Heimladung berechnet. Die Energiekosten sinken dabei um rund die Hälfte, verglichen mit einer fossilen Heizung und einem Verbrennerauto. Dazu kommt der Komfort: Die Wärmepumpe kann im Sommer auch kühlen und das E-Auto startet morgens geladen aus der eigenen Garage.
LEADERSNET: Dennoch erscheinen Photovoltaik, Wärmepumpe und E-Mobilität für viele Menschen zunächst technisch und komplex. Woran liegt das?
Güthlein: Die Wahrnehmung moderner Energielösungen verändert sich häufig erst mit der konkreten Nutzung in der jeweiligen Lebenssituation. Vor einer Entscheidung stehen verständlicherweise Fragen zu Kosten, Nutzen, Umsetzbarkeit oder Fördermöglichkeiten im Mittelpunkt. Im Alltag werden daraus jedoch konkrete persönliche Vorteile. Was man sagen kann, ist, dass sich Kund:innen mit ihren Entscheidungen für ein E-Auto oder eine Wärmepumpe in einem sehr hohen Maß wohlfühlen.
Draxler: Deshalb geht es nicht darum, Menschen mit technischen Details zu überfordern. Sie brauchen verständliche Informationen, Orientierung und eine verlässliche Begleitung. Photovoltaik, Wärmepumpe und E-Mobilität eröffnen Möglichkeiten für mehr Komfort, Unabhängigkeit, Planbarkeit und Lebensqualität. Welche Lösung tatsächlich passt, hängt aber immer von der persönlichen Situation ab.
LEADERSNET: Genau hier setzt die neue Kelag-Kampagne "Mehr von dem, was zählt" an. Was ist die Idee dahinter?
Draxler: Mit "Mehr von dem, was zählt" geben wir der Energiezukunft ein menschliches Gesicht. Wir stellen bewusst nicht die Technik oder einzelne Produkte in den Mittelpunkt, sondern die Menschen und ihre Bedürfnisse. Die Kampagne verbindet emotionale Ansprache mit konkreten Vorteilen und vermittelt jene Werte, die bei Energieentscheidungen zunehmend wichtig werden: Leistbarkeit, Sicherheit, Unabhängigkeit und Komfort.
Güthlein: Wir wollen zeigen, wie die Energiezukunft das tägliche Leben erleichtern kann und neue Freiräume schafft. Dafür übersetzen wir komplexe Energiethemen in Vorteile, die unmittelbar erlebbar sind. Die Energiezukunft wird aus der Perspektive jener Menschen erzählt, die Photovoltaik, Wärmepumpe oder E-Mobilität bereits nutzen.
LEADERSNET: Welche Rolle übernimmt die Kelag bei der persönlichen Energieentscheidung?
Draxler: Wir verstehen uns als regionaler, kompetenter und verlässlicher Partner, der Kund:innen von der ersten Orientierung bis zur Umsetzung begleitet. Dabei geht es nicht um eine Lösung für alle, sondern um verständliche Informationen und Angebote, die zur jeweiligen Lebenssituation passen.
Güthlein: Die neue Kampagne bündelt Informationen zu Photovoltaik, Wärmepumpe und E-Mobilität. Interessierte erhalten damit einen verständlichen Einstieg in diese Themen und Zugang zu weiterführenden Beratungsangeboten. Unser Ziel ist, aus großen Fragen einfachere Entscheidungen zu machen.
LEADERSNET: Wie begegnen Sie Menschen, die der Energiewende skeptisch gegenüberstehen?
Güthlein: Nicht durch Missionieren. Zu oft werden diese Debatten wie Glaubensfragen geführt. Das schafft Lager statt Bewegung. Am Ende müssen die Produkte selbst überzeugen. Wärmepumpen und E-Mobilität bringen messbare Vorteile. Wir entwickeln die Energiezukunft nicht nur für kommende Generationen, sondern für die Menschen von heute.
Draxler: Wir zeigen es lieber, als es nur zu behaupten. Jedes Projekt, das ans Netz geht, macht unsere Versorgung ein Stück sicherer, unsere Preise ein Stück stabiler und unser Land ein Stück unabhängiger. Das ist am Ende das beste Argument.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.kelag.at
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