Bank Austria Salon: Der Kampf um Traditionen

| 24.05.2016

Komponistin Neuwirth und Künstler Wurm diskutierten über ein zwiespältiges Thema.

Beim letzten Bank Austria Salon vor der Sommerpause wurde im Barocksaal des Alten Rathaus über das zwiespältige Thema „Tradition“ diskutiert. Der Einladung der Bank Austria folgten diesmal eine der bedeutendsten zeitgenössischen Komponistinnen Olga Neuwirth, die als erste Frau den großen Österreichischen Staatspreis für Musik 2010 erhielt sowie einer der erfolgreichsten Künstler der Gegenwart, Erwin Wurm, der heuer als Österreichs Vertreter bei der Biennale in Venedig eingeladen ist. Durch den Abend führte Preisträgerin des Leopold-Kunschak-Medien-Preises und Journalistin Johanna Zugmann, die seit 2014 auch als Autorin, Moderatorin und Vortragende bekannt ist.

Tradition gilt nach wie vor als spannendes und aktuelles Thema, das in der heutigen Zeit auch etwas in Verruf geraten ist. Sitten und Bräuche zählen in der Gesellschaft als Erbe und nicht nur als Relikt aus vergangenen Zeiten. Tradition gilt als kulturelles Gut, das von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird. Dazu zählen beispielsweise der Muttertag, Famillienfeste, Kirchenbesuche und viele weitere Bräuche. Um die Diskussion einzuleiten diskutierten Zugmann, Neuwirth und Wurm über den Begriff der Tradition. Zugmann eröffnete mit dem Zitat: „Traditionen können vereinen und sie können auch polarisieren.“.

„In Österreich sind Rituale extrem wichtig“

Weder Wurm noch Neuwirth präsentierten sich als Verfechter von Traditionen. „Ich bin zwar auf dem Land aufgewachsen wo Tradition groß geschrieben wurde, allerdings passten ich und meine ganze Familie nicht in dieses Konzept. Volkstümlichkeit hat in unseren Kreisen nicht stattgefunden. Traditionen muss man hinterfragen, besonders als Frau in einem patriarchalischen System. Für mich gibt es nur die Erhaltung der Tradition durch die Hinterfragung der Tradition“, erläuterte Neuwirth. Wurm ergänzte: „Volkstümlichkeit gab es in meinem Dorf nicht, ich bin damit nie in Berührung gekommen. Ich bin allerdings mit der Überzeugung aufgewachsen, dass Tradition und Avantgarde einander bedingen. Auch die Kunst braucht Tradition und wirft auch immer einen Blick in die Vergangenheit.“

Neuwirth kritisierte, dass es unglaublich viele sinnlose Traditionen gebe, die weiter gelebt würden ohne dass sie ihren Sinn erfüllen: „Ein Beispiel ist die Veränderung in der Gesellschaft. In Österreich sind Rituale extrem wichtig. Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist in Österreich beispielsweise fest verankert. Dabei gibt es viele verschiedene Varianten des Zusammenlebens. Hier wird das erst langsam anerkannt.“ Alte Traditionen, die keinen Sinn mehr in der modernen Zeit ergeben, sollten verändert oder abgelegt werden. Auch Wurm äußert sich zu dem Thema kritisch: „Ich glaube an eine einzige Tradition ganz stark und das ist die Aufklärung. Die möchte ich auch nicht gefährdet sehen“. Traditionen könnten nach Erachten Wurms und Neuwirths nicht erzwungen werden, sondern gedeihen mit Zeit und Raum. Auch in der Kunst gebe es Platz für neue Traditionen, ebenso wie klassische Musik die für Neuwirth eine Art Tradition darstellt von der sie lernen kann.

Einen traditionellen Abend verbrachten unter anderem die Kunsthistorikerin Anette Ahrens, der Intendant Thomas Biber, der Flötist Eric Lamb, die wemakeit-Chefin Simone Mathys-Parnreiter, der Autor Lukas Meschik, der Allianz-Vorstand Johann Oswald, der ImpulsTanz Intendant Karl Regensburger, der Kairo Boss Martin Rummel, der Generalleutnant Christian Segur Cabanac, die Sponsoring Chefin der Albertina Ulrike Tropper, die Vize-Direktorin des Bank Austria Kunstforums Evelyn Benesch, der Soziologe Bernhard Seyringer, die Kulturmanagerin Annemarie Türk sowie der Klavierbaumeister und Inhaber der Klavierhandlung Stingl Gustav Sych.

www.bankaustria.at

leadersnet.TV