Österreich ist "Europameister" im Verbauen von Grünflächen

Neue Studie zum Flächenverbrauch in Österreich: "Wenn es so weitergeht, sind wir bis 2050 so gut wie zugepflastert".

Franz Essl ist Biologe an der Universität Wien und hat vor Kurzem im Auftrag des Umweltbundesamtes eine Studie zum Flächenverbrauch in Österreich erstellt. Die soeben veröffentlichten Ergebnisse zeichnen ein verblüffendes Bild vom sonst so "grünen" Österreich: hierzulande werden pro Tag mehr als 13,5 Hektar an Grünflächen verbaut – das macht unser vergleichsweise kleines Land zum klaren "Europameister" im Flächenverbrauch.

Das ist allerdings ein Meistertitel, auf den Österreich verzichten kann. Wenn es so weitergeht, dann wäre Österreich bis 2050 so gut wie komplett zugepflastert, wie unsere Kollegen vom Kurier berichten: Haupttreiber dieser Entwicklung sind Wohnraum, Industrie und Verkehr. Der Flächenverbrauch steigt aktuell viel stärker als das Bevölkerungswachstum. "Natürlich ist Wohnraum ein Bedürfnis. Aber ein großer Prozentsatz der Flächenwidmung geht in Verkehrsflächen sowie Gewerbe- und Industriegebiete. Österreich hat pro Kopf die größte Einkaufszentrumsfläche in ganz Europa", erklärt Essl.

"Schwerwiegende Auswirkungen"

Als Antreiber dieser Entwicklung nennt der Experte die "konzeptlose Raumplanung", deren Verantwortlichkeit hierzulande bei den Gemeinden liegt. Diese würden sich einem Wettkampf um Wachstum und Einnahmen hingeben, bei dem schon Details "schwerwiegende Auswirkungen" haben würden, wie Essl im Gespräch mit dem Kurier erklärt: Einkaufszentren außerhalb der Ortszentren erzwingen mobilisierten Individualverkehr. Fünfzig Prozent der Fläche jedes Einkaufszentrums werden für Parkplätze gebraucht. Dazu kommt das mangelnde Flächenrecycling: Wenn Städte und Ortschaften wachsen, werden immer wieder neue Flächen beansprucht: Etwa, wenn der Außenbereich von Ortschaften in Siedlungs- und Verkehrsfläche umgewandelt wird. Die Ansiedlung von Einkaufszentren, Gewerbegebieten oder Einfamilienhaussiedlungen auf der grünen Wiese ist in den vergangenen 30 Jahren massiv gestiegen.

Ehemals genutzte Flächen bleiben leer stehen, es wird lieber woanders gebaut, was möglich ist, weil der Bodenpreis zu billig ist. Und auch im Wohnbau ließe sich nach Ansicht Essls einiges optimieren. Die dichte Verbauung hält er nicht für alternativlos. Dass jede neu gebaute Wohnung einen Parkplatz braucht, sei nicht zeitgemäß.

Schulterschlüsse und Engagement gegen "Zubetonierung" des Landes

Auch Christof Schremmer vom Österreichischen Institut für Raumplanung unterstützt eine Entwicklung weg vom Auto und hin zum öffentlichen Verkehr, denn gemeinsam mit dem Faktor der sozialen Infrastruktur ist dieser zentrales Kriterium in der Raumplanung. So sollte etwa im Wiener Speckgürtel enger zwischen der Stadt Wien und dem Land Niederösterreich in diesen Fragen kooperiert werden. Auch Parkraumbewirtschaftung, öffentlicher Verkehr und Grünraum müssten "gemeinsam gedacht" werden, so der Raumplanungsexperte.

Als positives Beispiel nennt die Pläne für eine Straßenbahn von Wien nach Niederösterreich, wie ihn die Wiener Stadträtin Ulli Sima vorgeschlagen hat. Die Wiener Lokalbahnen, welche mit der Badner Bahn bereits eine derartige Straßenbahn betreiben, führen derzeit Gespräche mit den betroffenen Gemeinden und erarbeiten überdies ein Konzept zur Wiederinbetriebnahme der stillgelegten Kaltenleutgebner Bim-Strecke.

Auch versicherungstechnisch relevant

Aber auch in Sachen Sicherheit ist es nicht wünschenswert, dass in Österreich so viele Wald- und Wiesenfläche durch Haus- und Straßenbauten versiegelt werden. Denn der Verlust dieser Grünflächen, welche auch als natürliche Barrieren gegen Schäden durch Naturereignisse wirken, steigert die Wahrscheinlichkeit von Katastrophenschäden. Darum engagiert sich die österreichische Hagelversicherung seit Jahren gegen die "Zubetonierung" des Landes.

Derlei Schäden haben in den vergangenen Jahren extrem zugenommen, so die Versicherungsexperten. Mit verheerenden Folgen: Durch die zunehmende Bodenversiegelung sind die Böden nicht mehr in der Lage, Wasser aufzunehmen – das führt zu Überschwemmungen und Vermurungen. (red)

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